Interview mit Henry Chocué von der Vereinigung der indigenen Cabildos im kolumbianischen Cauca (ACIN)
Foto: Knut Henkel
Henry Chocué ist eine Autorität der indigenen Ethnie der Nasa. Er lebt nahe Toribío, einer der umkämpften Kleinstädte Kolumbiens, und repräsentiert den ACIN, die Vereinigung der indigenen Cabildos im Norden des Cauca – die Dachorganisation der dort lebenden Ethnie der Nasa. Er ist eine von 22 territorialen Autoritäten und repräsentiert den ACIN auch nach außen. Knut Henkel hat ihn im Mai getroffen und nachfolgendes Gespräch geführt.
In der kolumbianischen Provinz Cauca setzen viele ihre Hoffnung in das linke Wahlbündnis Historischer Pakt
Schwierige Straßenverhältnisse. Buspassagiere bahnen sich nach einem Erdrutsch ihren Weg durch den Schlamm. Foto: Knut Henkel.
In Kolumbiens Provinz Cauca gelten viele Gemeinden wegen bewaffneter Konflikte als Hochrisikozonen. Um Frieden und Entwicklungsperspektiven zu schaffen, setzen viele indigene und afrokolumbianische Einwohner vor der Präsidentschaftswahl ihre Hoffnung in das linke Bündnis Pacto Histórico. Dessen Vizepräsidentschaftskandidatin Francia Márquez kommt aus dem Cauca.
José Albeiro Camayo Güetio, 2020. Foto: Eliseth Peña
Las Delicias, Cauca. Am 24. Januar ist Albeiro Camayo im indigenen Selbstverwaltungsgebiet Las Delicias ermordet worden. Kräfte der bewaffneten Gruppierung Columna Móvil Jaime Martínez drangen in das Gebiet ein, bedrohten die Bevölkerung und erschossen den 42-jährigen hochgeschätzten Gemeindeaktivisten und Menschenrechtsverteidiger.
Aus der Doku „Der letzte Kommandant der Quintines“
„Wir waren nicht verrückt, nein, wir hatten eine Aufgabe und die hat uns Manuel Quintín Lame aufgetragen“, meint Dalila alias María Deisy Quistial Chantre. Dalila war Marías Kampfname im Movimiento Armado Quintín Lame (MAQL), der einzigen indigenen Guerilla Kolumbiens.
Die Guardia wurde als unbewaffnete Selbstverteidigung geschaffen, um indigene Rechte zu schützen. Auch beim landesweiten Streik ist sie sehr aktiv
Frauen der Guardia Indígena bei einer Demonstration im Rahmen des landesweiten Streiks. Foto: CRIC
Die Guardia Indígena (Indigene Wache), eine der wichtigsten Organisationen Kolumbiens, ist an den Tagen der Mobilisierung während des sozialen Aufstandes zwischen April und Juli dieses Jahres sehr aktiv gewesen. Sie besteht aus rund 70.000 Mitgliedern. Ihr Koordinator, Lucho Acosta, sprach vom Cauca aus mit dem Nachrichtenportal Sputnik.
Popayán. Die Autonome Indigene und Interkulturelle Universität (UAIIN) bietet heute als öffentliches Bildungsinstitut attraktive Studiengänge an. Die UAIIN mit Sitz in Popayán, Departamento del Cauca, nimmt bei der Definiton ihres Studienprogramms die Bedürfnisse und die Wertvorstellungen der verschiedenen indigenen Gemeinschaften als Grundlage.
Angreifer uniformiert in weißen T-Shirts. Polizei unterstützt sie offenbar. Präsident Duque ordnet weitere Militarisierung in Cali an
„Wir sind die Beschützer der sozialen Proteste“, sagt der Cric-Sprecher Giovanny Yule. Foto: CRIC
Cali. Am Sonntag haben zivile Personen in Cali auf eine Gruppe des indigenen Regionalrats des Cauca (Cric) geschossen und dabei zwölf von ihnen verletzt. Einer der Videoclips, die die Ereignisse dokumentieren, zeigt einen Polizisten inmitten der Angreifer, während diese schießen.
Der indigene Rat CRIC wird 50. Zeit für ein Porträt einer der größten indigenen Bewegungen Lateinamerikas.
50 Jahre CRIC – Mehr als 20.000 Menschen kommen zur Jubiläumsveranstaltung zusammen. Foto: Katherine Rodriguez.
Während die ganze Welt kapitalistisch scheint, bauen Indigene im Südwesten Kolumbiens eine Alternative abseits des Staates auf. Wie schaffen sie das? Ein Besuch vor Ort.
La Laguna, Cauca. Die eskalierende Gewalt gegen Aktivist:innen und marginalisierte Gemeinden in Kolumbien hat ein weiteres Opfer gefordert. Am Dienstag ist Sandra Liliana Peña Chocue, oberste Repräsentantin des indigenen Selbstverwaltungsgebietes von La Laguna im Landkreis Caldono, bei einem Attentat getötet worden.
von Eliseth Peña und Martin Mäusezahl / April 2021
Neue Angriffe auf die indigene Selbstverwaltung im Südwesten Kolumbiens
Das Wandgemälde in der Schule von Tacueyó, Cauca, erinnert an die Gemeinderätin Cristina Taquinas und die vier Guardias Indígenas / Kiwe Thegnas, die bei einem Angriff am 29.10.2019 von der Kolonne Dagoberto Ramos ermordet. Foto: Eliseth Peña.
Die indigene Bewegung des Departamento Cauca – organisiert im Indigenen Regionalrat CRIC –gilt als eine der stärksten Bewegungen Kolumbiens. Ihr Kern sind die 94 Reguardos Indígenas, indigene Selbstverwaltungsgebiete, deren Autonomierechte sie in jahrzehntelangen Kämpfen erstritt. Lange lebten die indigenen Gemeinden inmitten des bewaffneten Konflikts zwischen Guerillas, Paramilitärs und Staat, in dem alle Partei ihre Rechte missachteten. Seit dem Friedensschluss zwischen FARC-Guerilla und Regierung 2016 hat sich der Konflikt verwandelt. Er ist heute symbiotisch mit der Drogenwirtschaft verbunden. Verschiedenen bewaffneten Gruppen kämpfen untereinander um Gebietskontrolle und gegen die Selbstverwaltung (1). Dutzende indigene AmtsträgerInnen wurden ermordet.
Besonders deutlich zeigt sich der neuartige Konflikt und die Herausforderungen für die Bewegung in deren Hochburgen im Norden des Cauca. Im Resguardo Indígena von Tacueyó, das mit 16.000 EinwohnerInnen und 40 km² eines der größten und auch ältesten Selbstverwaltungsgebiet ist, kam es am 29.10.2019 zum bisher schwersten Angriff auf die indigene Autonomie.
Über die Bedrohungslage und die Reaktion der Bewegung sprachen wir mit Nora Taquinas, eine der sechs GemeinderätInnen von Tacueyó, und Arbei Noscue, Koordinator der Guardia Indígena des Selbstverwaltungsgebiets. Die Guardia Indígena, in der indigenen Sprache Nasa Yuwe auch als Kiwe Thegnas bezeichnet, ist ein kollektiver, selbstorganisierter Schutzmechanismus der indigenen Gemeinden des Cauca (2).