Hier tobt ein schmutziger Krieg

Interview mit Henry Chocué von der Vereinigung der indigenen Cabildos im kolumbianischen Cauca (ACIN)

Foto: Knut Henkel

Henry Chocué ist eine Autorität der indigenen Ethnie der Nasa. Er lebt nahe Toribío, einer der umkämpften Kleinstädte Kolumbiens, und repräsentiert den ACIN, die Vereinigung der indigenen Cabildos im Norden des Cauca – die Dachorganisation der dort lebenden Ethnie der Nasa. Er ist eine von 22 territorialen Autoritäten und repräsentiert den ACIN auch nach außen. Knut Henkel hat ihn im Mai getroffen und nachfolgendes Gespräch geführt.

von Knut Henkel / Juli 2022

Am 18. März wurde José Miller Correa bestattet. Er ist der bisher letzte von 15 indigenen Repräsentant*innen im Verwaltungsbezirk Cauca, die seit dem 1. Januar 2022 ermordet wurden, so das Menschenrechtsbüro des CRIC (Rat der indigenen Völker des Cauca). Wie beurteilen Sie die Situation?

Sie ist extrem gefährlich. Anders als früher werden indigene Repräsentant*innen, Frauen wie Männer, nicht nur zum militärischen Ziel deklariert, nein, sie werden gezielt ermordet – von bewaffneten Akteuren von links und rechts. Sie werden zu Zielen des Terrors, weil sie sich für humane Ziele der Gemeinden einsetzen. Dazu gehört das Engagement für das Leben, ein zutiefst humanistisches Ziel, genauso wie der Schutz indigener Territorien – beides legitime, von der kolumbianischen Verfassung gebilligte Eckpfeiler indigener Identität und Politik.

Über indigenen Führer*innen schwebt das Damoklesschwert ihrer Ermordung, und auch die „Guardia Indígena“ (aus traditionellen Gemeindestrukturen gebildete indigene Schutztruppe, die keine Feuerwaffen trägt – die Red.) wird immer häufiger angegriffen. Die Situation hat sich im Vorfeld der Wahlen zum Parlament und zur Präsidentschaft weiter verschärft. Wir leben in permanenter Bedrohung. 

Bedroht wurden indigene Anführer*innen auch im Bürgerkrieg, vor allem von den Paramilitärs (rechtsextreme Einheiten, die von Großgrundbesitzern, Drogenkartellen und teilweise dem Militär bewaffnet und finanziert werden – die Red.) – gibt es einen Unterschied?

Ja, heute gibt es eine Menge von bewaffneten Gruppen, so dass es immer schwerer wird, zu bestimmen, wer wo aktiv ist. Es gibt Banden, die im Drogenanbau und -handel tätig sind, Gruppen, die sich zur FARC bekennen (ehemalige Guerilla, die 2016 nach einem Friedensabkommen mit der Regierung die Waffen niederlegte. Ein Teil der FARC-Kämpfer*innen lehnte das Friedensabkommen ab – die Red.), die den Demobilisierungsprozess von vornherein nicht mitgemacht haben, andere, die erst demobilisiert waren, nach der Nichteinhaltung der Vereinbarungen durch die Regierung wieder zu den Waffen gegriffen haben, es gibt Strukturen innerhalb von Polizei und Militär, die beteiligt sind – es ist sehr schwer zu sagen, wer zu wem gehört und wofür aktiv ist. Die Situation ist kompliziert und unübersichtlich. Es gibt permanent Verletzungen grundlegender Menschenrechte. 

Hatten Sie die Hoffnung, dass sich mit dem Friedensabkommen zwischen der FARC und der kolumbianischen Regierung etwas Grundlegendes ändern würde?

Ja, natürlich. Wir alle haben gehofft, dass der Krieg auch im Cauca enden würde. Doch das war aus heutiger Situation ein Trugschluss, eine optimistische Hoffnung. Ich habe diesen Krieg erlebt, mein Körper ist von Narben, darunter Einschusslöchern, wo noch Reste von Kugeln drinstecken, bedeckt, denn wir Indigenen sind immer wieder in die Schusslinie, zwischen die Konfliktparteien geraten, einfach weil wir da leben, wo wir leben – im Konfliktgebiet. 

De facto ist der Friedensprozess zum Erliegen gekommen, wurde abgebrochen, aufgekündigt, was kaum öffentlich zugegeben wird, was hier im Norden des Cauca aber Realität ist. Hier tobt ein schmutziger Krieg. Fakt ist, dass die derzeitige Regierung den Friedensprozess von Beginn an torpediert hat und deshalb hat hier alles wieder angefangen: Der Krieg ist zurückgekehrt mit Massakern, gezielten Morden, Gefechten und einer spürbaren Zunahme der Produktion von Marihuana und Coca.

Welche Gruppen sind hier wieder aktiv – in der Region von Toribío?

Hier war die Sechste Front der FARC aktiv, im Norden des Cauca und im benachbarten Valle de Cauca, wo der Zuckerrohranbau dominiert. Diese Sechste Front stand von Beginn an dem Friedensprozess kritisch gegenüber, und Spezialisten gehen davon aus, dass nur 20 Prozent der Kämpfer*innen sich demobilisieren ließen, 80 Prozent hingegen in Waffen blieben und sich von der FARC abspalteten. Diese Verbände sind weiterhin aktiv – während die anderen im Demobilisierungslager von Miranda versauern, weil es kaum funktionierende Reintegrationsprojekte gibt. Alles wovon ich weiß, waren kleine Projekte mit Hühner- oder Fischaufzucht, die aber kaum Substanz als Zukunftsoption haben, weil sie nicht rentabel funktionieren können. Das ist Teil der Realität – ein Alibi, eine kosmetische Maßnahme, aber nichts Substanzielles. Ich weiß von einer Familie, die nur 20 Hühner erhalten hat. Wie soll das funktionieren? Wie soll eine Familie davon leben? So treibt man die demobilisierten FARC-Kämpfer*innen wieder zurück zu den Waffen.

Das alles spiegelt sich in der Realität wider. Heute gibt es weit mehr kleine Gruppen als größere Kommandostrukturen, die die Gegend unsicher machen und auf eigene Rechnung arbeiten – es geht nicht mehr um Ideologie, um Politik, es geht um das eigene Wohlergehen, meist auf Basis des Drogenhandels. 

Das macht die Situation unübersichtlich und komplex. Ein Beispiel: Hier in der Region von Toribío agiert die Mobile Einheit Dagoberto Ramos, aber soweit ich weiß besteht sie mittlerweile aus mehreren Einheiten von zehn bis zwanzig Guerilleros und Guerilleras, die separat agieren. Es macht mehr Sinn von dissidenten Gruppen der ehemaligen FARC zu sprechen, die in den Bergen aktiv sind. In den flacheren Regionen ist es die Einheit Jaime Martínez, die ebenfalls zur Sechsten Front gehörte.

Doch auch da gibt es keine einheitliche Struktur mehr – hier eine größere Gruppe, dort eine, beide rekrutieren junge Kämpfer. Am Ende geht es darum, wer hat mehr. Und beide Gruppen arbeiten für die Drogenhändler, schützen Anbauregionen, sichern den Transport von Coca und Kokain oder Marihuana.

Beide Gruppen agieren in Gebieten mit starker Armeepräsenz. Welche Rolle spielen deren Einheiten?

Der Staat ist Komplize, anders lässt sich dieser Widerspruch nicht erklären. Hier in Toribío gibt es Militärbasen, die von Drogenfincas in nächster Nähe umgeben sind – wie lässt sich so etwas logisch erklären?

Hier gibt es auf einer Straße erst einen militärischen Kontrollpunkt und ein paar Kilometer weiter einen der Guerilla – wie ist das möglich? Und noch ein paar Kilometer weiter einen der Paramilitärs – das ist unsere Realität. Das geht nicht ohne konkrete Absprachen, Vereinbarungen. Wir leben hier zwischen den Fronten, zwischen den Interessen, und wem sollen wir vertrauen, wer schützt uns? Wir gefährden deren Interessen, denn wir wollen keinen Drogenanbau in unserer Region!

Die Militärs kontrollieren nachweislich Strecken, auf denen Coca transportiert wird. Dass lässt sich belegen. Toribío hat drei Straßen, Pisten, um aus dem Ort zu kommen: eine in Richtung Silvia, eine nach Corinto und eine zum Palo, wo sich die Marihuana-Produktion konzentriert. An jeder dieser Strecken gibt es eine Militärkontrolle. Wie soll also sowohl Marihuana als auch Coca die Region verlassen, ohne die Militärkontrollen zu passieren? Das ist unmöglich. Kooperation ist die einzige Option. Das Geld aus dem Drogenanbau korrumpiert alles und jeden.

Deutliche Worte. Wo leben Sie genau und welche Rolle haben Sie innerhalb des ACIN inne?

Ich bin eine territoriale Autorität der Region Las Delicias, Buenos Aires ist der Ort, in dem ich lebe. Vor fünf Jahren ist dort der Drogenhandel angekommen, es sind vor allem Leute aus der Provinz Antioquia, die dort den Handel aufgezogen haben. Leute, die zu den großen Cocaclans wie dem „Clan del Golfo“ gehören, die wiederum aus Mexico stammen. Sie haben große private Fincas gekauft und sind in die Cocaproduktion eingestiegen. Die bewaffneten Verbände, die in ihrem Auftrag agieren, kamen dann hinterher.

Heißt das, dass der Anstieg der Cocaproduktion im Norden des Cauca von außen hereingetragen wurde?

Ja, genau, und nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages. Der Anstieg des Coca-Anbaus erfolgte nach der Unter­zeichnung des Vertrages, und das ist ein weiterer Widerspruch. Wie ist das möglich mit einer Regierung, die erklärte, den Drogenhandel zu bekämpfen, und in der Streitkräfte präsent sind? In Las Delicias sind es heute 200-300 Hektar mit Coca. Früher waren es vielleicht 3000 Sträucher, das ist ein gewaltiger Zuwachs. Wer sich wehrt, keine bewaffneten Akteure auf indigenem Territorium duldet, wird schnell zum militärischen Ziel. In Las Delicias haben wir zehn Tote in weniger als 18 Monaten zu beklagen, darunter ein Ex-Gouverneur, nämlich Marcos Camayo, ein Kind von 14 Jahren, zwei „Guardias Indígenas“. Dazu kursieren etliche Morddrohungen. 

Heute haben die Leute Angst, offen zu reden, weil niemand weiß, wer zuhört, selbst auf einem Treffen der territorialen Autoritäten wie hier. Hier geht die Angst um. Die Zahl derjenigen, die schweigen, steigt. 

Haben Sie die Hoffnung, dass sich mit den Präsidentschaftswahlen etwas ändern könnte?

Ich habe die Hoffnung, dass sich etwas ändern kann mit einer sozialverantwortlichen Regierung, die in die soziale Infrastruktur investiert und die Regionen nicht sich selbst überlässt, wie es hier seit Langem der Fall ist. Hier haben die Jugendlichen kaum eine Chance, es gibt kaum Optionen. Ich spreche gar nicht von Arbeitsplätzen, denn wir Indigenen hatten doch nur ausnahmsweise eine Festanstellung, ich spreche von Chancen, selbstständig aktiv zu werden, in der Landwirtschaft, im Handel oder im Handwerk. Doch der Staat ist hier nicht präsent, die Infrastruktur ein Desaster und ein Bremsfaktor. Investitionen in eine produktive Infrastruktur fehlen vollkommen, hier ist jedes Massaker, jedes Gefecht ein Grund, weiter in Waffen zu investieren. Das ist die vorherrschende Logik.

Was halten Sie von der noch amtierenden Regierung von Iván Duque?

Nichts. Wir haben es mit einem Präsidenten zu tun, der nicht mit uns redet, der Entscheidungen fällt ohne Rücksprache mit den Menschen, die in der Region leben. Der die bewaffneten Akteure in der Region noch nicht einmal bekämpft, sondern sie gewähren lässt. Das ist ein Problem. Ein weiteres strukturelles Problem ist, dass in Kolumbien Kleinbauern nicht unterstützt werden, sondern nur große Agrarprojekte in Monokultur: Zuckerrohranbau, Ölpalmen, extensive Viehwirtschaft, Holzplantagen und vieles mehr. Die Infrastruktur in Regionen, wo Kleinbauern dominieren, ist hingegen so schlecht, dass sie keine Chance haben, legale Produkte heil auf die Märkte zu bringen. 

Was halten Sie von „Maís“ (Movimiento Alternativo Indígena y Social), der einzigen indigenen Partei des Landes?

Sie sorgt für Sichtbarkeit, hat aber mit einem Senator unter mehr als 100 Senator*innen kaum politisches Gewicht. 

Welche Reformen in Kolumbien sind nötig?

Ich halte große Reformen erst einmal für wenig wahrscheinlich. Zum einen weil sie oft die immer Gleichen bevorteilt haben, zum anderen, weil es dafür Mehrheiten braucht. Aber ich hoffe sehr, dass Rückschritte korrigiert werden, dass die Einschränkungen des Demonstrationsrechts rückgängig gemacht werden, die es nach dem „Paro Nacional“ (Aufstandsbewegung im Jahr 2021, vgl. zum Beispiel den Schwerpunkt der ila 448) gab. Das hätte schon Signalcharakter. 

Die „Guardia Indígena“, zu deren Erscheinungsbild der Bastón (meist mit Bändern verzierter Stab oder Stock) und die Machete gehören, darf auf Protesten keine Machete mehr tragen. Sonst droht die Kriminalisierung, obwohl es keine Belege für den Einsatz auf irgendwelchen Demonstrationen gab. Aus allem und jedem lässt sich heute eine Waffe machen, und das kann durch die Gerichte kriminalisiert werden. Das ist bitter und ein Eingriff in die Demonstrationsfreiheit – ein sehr bewusster. Gleiches gilt für die Straßenblockaden. Man versucht uns mundtot zu machen.

Welche Rolle spielt die „Guardia Indígena“ auf lokaler und auf überregionaler Ebene?

Die „Guardia Indígena“ spielt auf lokaler Ebene eine immens wichtige Rolle, sie ist die Schule für unseren Nachwuchs auf allen Ebenen und auf überregionaler Ebene ein wichtiger Faktor. Ein Beispiel: Die „Guardia Indígena“ wurde beim Paro Nacional in der Millionenstadt Cali mit Beifallsstürmen in Empfang genommen, uns wurde viel Vertrauen entgegengebracht. Die Leute fühlen sich sicherer an der Seite eines „Guardia Indígena“ als an der Seite eines Polizisten, einer Polizistin oder eines Leibwächters. Die Guardia genießt mehr Glaubwürdigkeit, und der Grund liegt auf der Hand: Die Guardia wird nicht bezahlt, sie besteht aus Freiwilligen. Sie ist schlicht nicht korrupt, und genau das lässt sich von der Polizei nicht behaupten. Die Guardia bekommt ihre Ausrüstung gestellt, erhält ihr Essen, wenn nötig den Transport, aber nicht mehr. 

Während wir in Cali von den Demonstrierenden begeistert empfangen wurden, wurde von der anderen Seite, der Polizei und einigen Paramilitärs, bei unserer ersten Minga auf uns geschossen: Es gab elf Verletzte. 

Die Demonstrierenden sehen in der Guardia eine nichtmilitarisierte Verteidigungseinheit, einen nichtmilitarisierten Akteur in einer extrem militarisierten Gesellschaft. Zudem ist sie effizient, auch beim Fangen von Übeltätern – und das unbewaffnet! Die indigene Justiz ist viel schneller als die herkömmliche Justiz!


Dieses Interview wurde zu erst in der Zeitschrift ILA Nr. 457 am 1.7.2022 veröffentlicht.
Die Veröffentlichung hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors und der ILA.


Mehr zu den Themen dieses Artikels: