Vor zehn Jahren trat das Friedensabkommen zwischen der FARC und der kolumbianischen Regierung in Kraft. Frieden ist seither trotzdem nicht eingekehrt. Es gibt weiterhin bewaffnete Auseinandersetzungen, und auch die Rekrutierung von Minderjährigen und die Ermordung sozialer Führungspersönlichkeiten bleibt traurige Alltäglichkeit.
Eine Befreierin der Mutter Erde schneidet das monokulturell angebaute Zuckerrohr, um anschließend Lebensmittel anzubauen, 2015. Foto: Tejido de Comunicación ACIN.
Der Kampf um die Rückgewinnung des ihnen geraubten Landes war ein zentraler Motor für die Organisierung der indigenen Gemeinden im →Departement Cauca. Unter dem Motto der Befreiung von Mutter Erde gaben die → Nasa im Norden des Cauca diesem Kampf seit 205 einen neuen Impuls, der weit über die Wiedergewinnung von Land hinausgeht. Er richtet sich gegen die Versklavung der Natur, gegen die eigene Unfreiheit und steht für ein grundlegend anderes Verhältnis zur Natur. Für diesen Kampf müssen die Gemeinden jedoch einen hohen Preis zahlen.
Logo des „Programa de Salud“, der Gesundheitsabteilung des CRIC – Foto: CRIC.
Martin Mäusezahl und Eliseth Libertad Peña Quistial / Dezember 2025
Indigenes Gesundheitswissen wird bis heute abgewertet, geraubt und zerstört. Deshalb und weil durch staatliche Vernachlässigung viele Menschen in den Gemeinden an heilbaren Krankheiten starben, begann der →CRIC Ende der 1970er-Jahre, eigene Gesundheitsstrukturen aufzubauen. Im Jahr 1981 beschloss der Regionalkongress des CRIC, eine Gesundheitsabteilung zu schaffen und definierte gesundheitspolitische Grundsätze: eigene, dezentrale Gesundheitsstrukturen schaffen, indigenes Wissen und Techniken anwenden und stärken, eigene Gesundheitsfachkräfte ausbilden sowie vom Staat Anerkennung und Ressourcen dafür einfordern.
Zerstörung der Tatwaffe durch die Guardia Indígena – San Lorenzo Caldono, Cauca. Foto: CRIC
Martin Mäusezahl und Eliseth Libertad Peña Quistial / Dezember 2025
Ende September 2025 wurde im Selbstverwaltungsgebiet San Lorenzo de Caldono, Cauca, ein 24-jähriges Gemeindemitglied, das einer →bewaffneten Gruppe angehörte, von der →Guardia Indígena festgenommen und der Selbstverwaltung übergeben. Kurz zuvor hatte er ein anderes Gemeindemitglied erschossen. Die Selbstverwaltung berief eine Gemeindeversammlung ein, die wenige Tage später gemäß der Nasa-Rechtsvorschriften auf Spanisch und Nasa Yuwe durchgeführt wurde. Hier wurde betont, dass diese Tat die gesamte Gemeinde tief getroffen habe. Sie stehe für die zunehmende Rekrutierung der Jugend. Bei der Urteilsfindung gehe es daher auch darum, das Gleichgewicht im →Territorio wiederherzustellen, den Schmerz zu heilen und angesichts der Politik des Todes eine Politik des Lebens zu stärken (mehr dazu). Die Gemeindeversammlung verurteilte den Täter zu 40 Jahren Haft, ordnete die Zerstörung der Tatwaffe an und beschloss Rituale zur kollektiven Heilung.
Die Klassensprecher*innen der Grundschule im Indigenen Selbstverwaltungsgebiet Pueblo Nuevo. Foto: Eliseth Peña.
Martin Mäusezahl und Eliseth Libertad Peña Quistial / Dezember 2025
Die im →CRIC organisierten Gemeinden betreiben heute weitgehend autonom hunderte Vor-, Grund-, weiterführende und Berufsschulen, die von zehntausenden Schüler*innen besucht werden. Bereits während der Gründung des CRIC war eine an den eigenen Kulturen orientierte, selbstbestimmte Bildung ein zentrales Anliegen. So wurde 1974 die Abteilung für zweisprachige Bildung (Programa de Educación Bilingüe, PEBI–CRIC) gegründet. Sie baute jenseits des staatlichen Systems Schulen auf, in denen neben Spanisch auch in den jeweiligen indigenen Sprachen und entsprechend der eigenen Weltvorstellungen unterrichtet wurde. Auf Basis der dort gemachten Erfahrungen schuf die PEBI eine eigene Lehrer*innen-Ausbildung und entwickelte eigene pädagogische Konzepte. Da die Schulen wegen fehlender staatlicher Anerkennung von den jeweiligen Gemeinden selbst finanziert werden mussten, entstanden zunächst nur einige wenige Schulen.
Das kulturelle Fühlen und Erleben der Pueblos Indígenas im Cauca
Nasa-Kinder in einer Tulpa (1) im Selbstverwaltungsgebiet San Lorenzo de Caldono, Februar 2025. Foto: Central Cooperativa Indígena del Cauca.
Welche Bedeutung hat die Madre Tierra, die Mutter Erde, in den indigenen Weltanschauungen des →Departements Cauca? Welche Rolle spielt sie für die Praktiken der Spiritualität und der Bildung? Ein kleiner Einblick, wie die →Pueblos Indígenas des Cauca die Welt verstehen und dabei Handeln, Fühlen und Verbundenheit im Zentrum stehen.
Ein Gespräch über gewonnene Kämpfe, gegenwärtige Herausforderungen und Zukunftsvisionen
Nelly Valencia Yule (rechts) und Rosalba Velasco (links) beim Treffen „Erschafferinnen des Friedens“ zwischen Mapuche-Frauen aus Araucania, Chile, und indigenen Frauen des Cauca, Popayán, Mai 2024. Sie waren die zwei weiblichen Mitglieder des zehnköpfigen Obersten Rates des CRIC in der Amtsperiode 2023-25. Foto: Karina Gugú Hurtado – Proceso de Mujeres CRIC.
Nelly Valencia Yule war in der Amtsperiode Mitte 2023 bis Mitte 2025 Teil der zehnköpfigen Consejería Mayor, des Obersten Rates des →CRIC. Die →Nasa stammt aus dem →Resguardo Peñón im Südwesten des →Departements Cauca. Nachdem sie aufgrund des bewaffneten Konflikts aus dem Norden des Cauca vertrieben wurde, gelangte ihre Familie über mehrere Stationen im Jahr 2000 in dieses Selbstverwaltungsgebiet. Nelly Valencia war dort Gouverneurin, ebenso war sie Koordinatorin der Frauenabteilung des CRIC und auf lokaler, zonaler und regionaler Ebene in der →Guardia Indígena aktiv.
Martin Mäusezahl und Eliseth Libertad Peña Quistial / Dezember 2025
Gemeindeladen im Selbstverwaltungsgebiet San Francisco. Foto: Kaffeekollektiv Aroma Zapatista
von Eliseth Libertad Peña Quistial und Martin Mäusezahl / Dezember 2025
Die im →CRIC organisierten Gemeinden entwickelten zu Beginn der 2000er-Jahre das Rechtskonzept der territorialen Hoheitsrechte in Umwelt- und Wirtschaftsfragen (Autoridad Territorial Económica y Ambiental, ATEA). Den Anspruch, dass die Gemeinden autonom verbindliche Regelungen in ihren →Territorios setzen können, begründeten sie einerseits mit dem Derecho Mayor, einem der kolonialen und nationalstaatlichen Rechtssetzung vorgängigen höheren Recht, das sie als bereits vorher etablierte Gesellschaften innehätten. Andererseits lassen sich diese Hoheitsrechte auch aus internationalen Verträgen wie der ILO-Konvention 169 sowie aus der kolumbianischen Verfassung ableiten.
Menschen aus den Indigenen Gemeinden und die Guardia Indígena kamen 2021 zur Unterstützung der Proteste nach Cali. Foto: Enrique Ramirez.
von Eliseth Libertad Peña Quistial / Dezember 2025
Auf die starken Proteste mehrheitlich junger und armer Menschen ab Mai 2021 reagierte die kolumbianische Regierung mit militärischer Repression. Zusätzlich griffen Zivilist*innen aus den reichen Stadtvierteln, die sich selbst als „anständige Menschen“ bezeichneten, die Demonstrationen mit Schusswaffen an. Die im →CRIC organisierten Gemeinden entschieden daher, die Protestierenden zu begleiten. Sie mobilisierten zu einer →Minga, in der 7.000 Indigene nach Cali zogen, dem Epizentrum der Proteste, unter ihnen mehrere hundert Mitglieder der →Guardia Indígena, dem unbewaffneten Selbstschutz der Gemeinden.
Die kolumbianische Realität und der Cauca als ihr Spiegelbild
In der Primera Linea („ersten Reihe“) schützten junge Menschen die Demonstrationen während der Proteste 2021 gegen die Gewalt von Polizei und Militär, hier in Cali im August. Foto: Enrique Ramirez.
Das Kolumbien der letzten Jahre ist geprägt von Extremen. Dem Friedensvertrag von 2016 folgte die Ernüchterung. Die Gewalt endete nicht, stattdessen konfigurierte sich der Konflikt neu. Die riesige soziale Ungleichheit, die durch die Covid-Pandemie noch verstärkt wurde, und fehlende politische Teilhabe großer Bevölkerungsgruppen führten zu breiten Protesten. Sie trugen die erste linke Regierung in der Geschichte des Landes ins Amt. Deren Programm versprach grundlegende Reformen und weckte große Hoffnungen. Zum Ende ihrer Regierungszeit steht allerdings eine gemischte Bilanz und eine weitere Zunahme der Gewalt. Und im →Departement Cauca zeigen sich im Kleinen all diese Extreme wie unter einem Brennglas.