Lernen am Beispiel und durch Anschauung ist einer der zentralen Grundsätze der „eigenen Bildung“ der indigene Bewegung. Die Schüler*innen gehen daher zum Unterricht oft raus in die Gemeinde – Foto: Eliseth Peña
Die Bewegung indigener Gemeinden des Departamento Cauca, organisiert im CRIC (siehe Kasten), hat in den letzten Jahrzehnten ein selbstbestimmtes Bildungssystem erkämpft und aufgebaut. Inmitten des Kampfes der Gemeinden für Land, Selbstverwaltung und eigene Gesellschaftsweisen sind die Schulen zu wichtigen Motoren der politisch-sozialen (Wieder-)Aneignung und kulturellen (Wieder-)Belebung geworden.
In Kolumbien tobt die Gewalt durch bewaffnete Gruppen trotz Friedensabkommen weiter. Doch die indigene Bewegung des Cauca ist zu einer wichtigen Kraft der Veränderung geworden (siehe Infokasten unten). Mit dem Programa Mujer will Roseli Finscue Chavaco die Frauen der Bewegung stärken.
Selbstbestimmtes Wirtschaften als Alternative zur Drogen- und Gewaltökonomie
Beim Austausch mit den Kaffeebäuer*innen des indigenen Selbstverwaltungsgebietes von Chimborazo wird deutlich, dass die Preise für Kaffee unter den Produktionskosten liegen. – Foto: Eliseth Peña
Die indigene Bewegung des Cauca im Südwesten Kolumbiens hat viel erreicht (siehe Infobox unten). Aktuell werden einige der von der Bewegung erkämpften Selbstverwaltungsgebiete jedoch von einer tödlichen Kombination aus ökonomischer Marginalisierung, Drogenwirtschaft und bewaffneten Gruppierungen bedroht. Vom Staat im Stich gelassen, arbeiten die Gemeinden an selbstbestimmten Alternativen.
Die Universidad Autónoma Indígena Intercultural ist ein Ort der Selbstbestimmung der indigenen Bewegung im Cauca/Kolumbien
Das Wandbild am UAIIN-Hauptsitz symbolisiert die Kämpfen der indigenen Bewegung um Land. Foto: Martin Mäusezahl
Von Martin Mäusezahl und Eliseth Peña / Mai 2020
Vieles ist anders an dieser Uni. Im Zentrum der UAIIN, der Interkulturellen Indigenen Autonomen Universität, in Kolumbiens südwestlicher Provinz Cauca, steht das aus den Weltsichten und Kämpfen der indigenen Gemeinden entstehende Wissen. Statt Dozent*innen und Professor*innen gibt es dinamizadores-orientadores, was so viel wie Bewegungs- und Richtungsgeber*in bedeutet. Auch die Student*innen – aktuell sind es rund 1.000 – heißen dinamizadores, auch sie bringen die Prozesse in Bewegung. Das Bemerkenswerteste jedoch ist, dass hier eine Bewegung marginalisierter kleinbäuerlicher, indigener Gemeinden (siehe Kasten), die inmitten eines bewaffneten Konflikts für Land und Selbstbestimmung kämpft, ihre eigene Universität aufgebaut und deren staatliche Anerkennung durchgesetzt hat. »Die UAIIN ist integraler Bestandteil der indigenen Bewegung und eine unserer Widerstandsstrategien«, erklärt Rosalba Ipia, die politische Rätin der Uni. »Es gibt sie durch unsere Kämpfe.«
Die Kaffeebäuerin Aurora Campo ist Teil der Kooperative CENCOIC. Foto: Kaffeekollektiv Aroma Zapatista
Die Situation der Frauen innerhalb der indigenen Bewegung der Provinz Cauca im Südwesten Kolumbiens ist im Umbruch: Es fehlt noch einiges zu wirklicher Gleichberechtigung. Gleichzeitig haben die Frauen befreiende Prozesse in Gang gesetzt. Das zeigt sich auch in der CENCOIC, der zentralen Kaffeekooperative der Bewegung.
Frauen in der indigenen Bewegung im Cauca, Kolumbien
Nora Taquinás (26), Kaffeebäuerin in der Kooperative CENCOIC und stellvertretende Gouverneurin des Resguardo Tacueyó. Foto: Kaffeekollektiv Aroma Zapatista
Ein Blick auf die Situation der Frauen innerhalb der starken indigenen Bewegung im Cauca bietet ein ambivalentes Bild: Die Bewegung ist für sie ein Ort, in dem sie Emanzipation verwirklichen können, in dem sie andererseits aber auch auf Machismo und Widerstand stoßen. Probleme, aktuelle Themen sowie grundlegende Herausforderungen der indigenen Frauen(organisierung) wurden exemplarisch auf einem ihrer Treffen deutlich.
Die Koordinatorin des Programa Mujer, Nelly Valencia Yule, spricht beim Treffen zum Thema „Indgene Justiz und Gewalt gegen Frauen” – Foto: Kaffeekollektiv Aroma Zapatista
Der Fokus unserer letzten Reise in die Selbstverwaltungsgebiete der indigenen Bewegung im Cauca, Kolumbien, war die Situation und die Organisierung der Frauen in der Region. Dazu haben wir Gesprächen mit Frauen geführt und an einem Treffen des Programa Mujer (Frauen-Programms) teilgenommen. Hierdurch erfuhren wir viel über Erfolge und Schwierigkeiten ihres beeindruckenden Kampfes innerhalb einer ebenfalls beeindruckenden indigenen Bewegung.
Cauca ist Kolumbiens gefährlichster Verwaltungsbezirk. Soziale und politische Aktivistinnen und Aktivisten leben dort überaus gefährlich, berichtet Juan Carlos Guampe. Er gehört dem Volk der Kokonuko an und arbeitet für die indigene Genossenschaft CENCOIC, die zum Dachverband CRIC gehört. Auch er wird bedroht.
Die aktuelle Minga (Proteste indigener, kleinbäuerlicher und sozialer Bewegungen) im Südwesten Kolumbiens hat eine Vereinbarung mit der kolumbianischen Regierung erreicht. Sie konnte diese dazu verpflichten, etwa eine Billion kolumbianische Pesos (umgerechnet ca. 300 Millionen Euro) bereitzustellen, um die Lebensbedingungen in der Region zu verbessern. Aufgrund der unterzeichneten Vereinbarung, die auch den Besuch von Präsident Duque im Departamento Cauca am 9. April vorsah, wurde die von der Minga blockierte Schnellstraße Panamericana am 5. April wieder freigegeben. Repräsentant*innen der Minga zogen gegenüber Colombia Informa ein positives Fazit.
Húber Castro Caliz ist Linguist der Nasa-Gemeinschaften in Tierradentro und Experte in Sachen Spiritualität und Weltbild der Nasa. Miguel Boller sprach mit ihm im Juni 2018.