Die Situation und die Kämpfe der indigenen Gemeinden im Cauca
Ritual beim 4. Kongress der ACIN (3), Mai 2025, López Adentro. Foto: Cesar Galarza.
Die indigenen Gemeinden im →Departement Cauca sind heute mit verschiedenen Konflikten und Herausforderungen konfrontiert: eine neue Invasion durch →bewaffnete Gruppen, wirtschaftliche Ausbeutung, Drogenwirtschaft, Zwangsrekrutierung von Jugendlichen, Morde an denen, die sich für die Gemeinde einsetzen. Der Artikel analysiert die aktuelle Situation aus Sicht der Gemeinden und stellt ihre Gegenstrategien vor.
Der Aufbau einer selbstbestimmten, gemeindebasierten Wirtschaft
Ana Berta Finscue (links) und Carmensa Cuchillo (rechts) vom Gemeindeunternehmen Truchas Juan Tama im Selbstverwaltungsgebiet Tacueyó. Foto: Kaffeekollektiv Aroma Zapatista.
Neben der Rückgewinnung und Vergesellschaftung von Land stärken die indigenen Gemeinden des →Departements Cauca seit vielen Jahren gemeindebasierte Wirtschaftsstrukturen. Nun hat der →CRIC beschlossen, in den kommenden 50 Jahren den Fokus seiner Anstrengungen auf die Stärkung einer selbstbestimmten Wirtschaft zu legen. Damit sollen Auswege für zwei zentrale Probleme der Gemeinden geschaffen werden: die stark benachteiligte Position innerhalb kolonial-kapitalistischer Strukturen und die Ausbreitung von Drogenwirtschaft und →bewaffneten Gruppen.
von Martin Mäusezahl und Eliseth Libertad Peña Quistial / Dezember 2025
Ordnung ohne Waffen: Indigene in Kolumbien und ihr Leben im Ausnahmezustand
Trueque – Tauschmarkt in der überdachten Markthalle von Rioblanco, einem kleinen Bergdorf am Fuße des Vulkans Sotará im Südwesten Kolumbiens. Foto: Sara Meyer.
von Sara Meyer / Juli 2025
In den frühen Morgenstunden liegt ein feiner Nebel über Rioblanco, einem kleinen Bergdorf am Fuße des Vulkans Sotará im Südwesten Kolumbiens. Hier, in den Anden auf 2900 Metern, weht es scharf und kalt; die indigenen Dorfbewohner tragen selbst gewebte graue Ponchos aus Schafwolle und gestrickte Mützen mit Ohrenklappen, die Männer oft gefilzte schwarze Zylinder.
Die kolumbianische Regierung von Gustavo Petro tut sich schwer damit, das Land zu befrieden
Foto: CRIC
Juan Rivera Caso stehen die Sorgen ins Gesicht geschrieben. Er leitet die Selbsthilfeorganisation Guardia Indígena von Pueblo Nuevo und muss zusehen, wie sich die Situation in der Provinz Cauca zuspitzt. Im Februar war er für die Sicherheit rund um den 53. Gründungstag des indigenen Rates im Cauca (Cric) verantwortlich. Viel Verantwortung lastete auf ihn, denn er hatte den Einsatz von knapp sechshundert Mitgliedern der Guardia Indígena zu koordinieren, um die Großveranstaltung mit rund 11 000 Teilnehmenden zu schützen. Dem Rat gehören alle elf indigenen Ethnien des Verwaltungsbezirks an, der sich südlich der Metropole Cali befindet. Die Provinz Cauca ist eine Zone Roja, eine Hochrisikozone, wo immer wieder Umwelt- und Menschenrechtsaktivist*innen ermordet werden – darunter viele Indigene.
Am 16. März 2024 wurde bei einem Angriff im Indigenen Selbstverwaltungsgebiet Toribío die 52-jährige Carmelina Yule Paví von Mitgliedern der bewaffneten Gruppe Columna Dagoberto Ramos erschossen. Rodrigo UI Musicué und Edgar Tumiñá wurden durch Schüsse verletzt.
Menschen warten vor dem Supermarkt der indigenen Kooperative CENCOIC in Piendamo, Cauca. Foto: Knut Henkel.
Rechtsanwälte der Organisation Akubadaura kämpfen für die Rechte der indigenen Völker in Kolumbien und schaffen so Aufmerksamkeit für deren Anliegen, während die indigene Kooperative CENCOIC die wirtschaftliche Selbstbestimmung der indigenen Gemeinden stärkt.
Aus der Doku „Der letzte Kommandant der Quintines“
„Wir waren nicht verrückt, nein, wir hatten eine Aufgabe und die hat uns Manuel Quintín Lame aufgetragen“, meint Dalila alias María Deisy Quistial Chantre. Dalila war Marías Kampfname im Movimiento Armado Quintín Lame (MAQL), der einzigen indigenen Guerilla Kolumbiens.
Neue Angriffe auf die indigene Selbstverwaltung im Südwesten Kolumbiens
Das Wandgemälde in der Schule von Tacueyó, Cauca, erinnert an die Gemeinderätin Cristina Taquinas und die vier Guardias Indígenas / Kiwe Thegnas, die bei einem Angriff am 29.10.2019 von der Kolonne Dagoberto Ramos ermordet. Foto: Eliseth Peña.
Die indigene Bewegung des Departamento Cauca – organisiert im Indigenen Regionalrat CRIC –gilt als eine der stärksten Bewegungen Kolumbiens. Ihr Kern sind die 94 Reguardos Indígenas, indigene Selbstverwaltungsgebiete, deren Autonomierechte sie in jahrzehntelangen Kämpfen erstritt. Lange lebten die indigenen Gemeinden inmitten des bewaffneten Konflikts zwischen Guerillas, Paramilitärs und Staat, in dem alle Partei ihre Rechte missachteten. Seit dem Friedensschluss zwischen FARC-Guerilla und Regierung 2016 hat sich der Konflikt verwandelt. Er ist heute symbiotisch mit der Drogenwirtschaft verbunden. Verschiedenen bewaffneten Gruppen kämpfen untereinander um Gebietskontrolle und gegen die Selbstverwaltung (1). Dutzende indigene AmtsträgerInnen wurden ermordet.
Besonders deutlich zeigt sich der neuartige Konflikt und die Herausforderungen für die Bewegung in deren Hochburgen im Norden des Cauca. Im Resguardo Indígena von Tacueyó, das mit 16.000 EinwohnerInnen und 40 km² eines der größten und auch ältesten Selbstverwaltungsgebiet ist, kam es am 29.10.2019 zum bisher schwersten Angriff auf die indigene Autonomie.
Über die Bedrohungslage und die Reaktion der Bewegung sprachen wir mit Nora Taquinas, eine der sechs GemeinderätInnen von Tacueyó, und Arbei Noscue, Koordinator der Guardia Indígena des Selbstverwaltungsgebiets. Die Guardia Indígena, in der indigenen Sprache Nasa Yuwe auch als Kiwe Thegnas bezeichnet, ist ein kollektiver, selbstorganisierter Schutzmechanismus der indigenen Gemeinden des Cauca (2).