Dafür musste ich früh aufstehen

Porträt von Rosalba Velasco – Aktivistin, Politikerin und Mutter im Cauca

Rosalba Velasco. Foto: CRIC

Das Erdbeben vom 10. August 2026 hat auch ihre Region, den Cauca im Südwesten Kolumbiens, betroffen. „Am Wochenende reparieren wir gemeinsam das Dach eines Compañeros“, erzählt Rosalba Velasco im Online-Gespräch. Wegen der Katastrophe haben wir das Interview etwas schieben müssen. Während Kolumbiens neuer Präsident Abelardo de la Espriella angebotene Hilfe aus Mexiko abgelehnt hat und dafür kritisiert wird, dass er zu lange gebraucht hat, um in die stark betroffene Stadt Cali zu reisen, ist die Guardia Indígena (die für Schutz und Sicherheit der Indigenen im Cauca sorgt) schnell mobilisiert gewesen. „Die Guardia ist in Cali und im Chocó am Start, um tatkräftig zu helfen“, sagt Rosalba stolz. Im Gespräch mit der ila erzählt die 49-Jährige von ihrem Lebensweg, vom Aufwachsen außerhalb des Territoriums bis hin zum höchsten Amt im CRIC, dem Indigenen Regionalrat des Cauca.

von Britt Weyde / September 2026

Rosalba ist seit 30 Jahren im ACIN (Asociación de Cabildos Indígenas del Norte del Cauca), der Vertretung der Nasa-Indigenen im Norden des Cauca, aktiv. Ich habe sie im Sommer auf einem Seminar in der Nähe von Hamburg kennengelernt. Ihre ruhige und gewitzte Art ist mir in Erinnerung geblieben. Mit wenigen Worten bringt sie ihre Einstellung zu politischen und sozialen Fragen auf den Punkt.

Den größten Teil ihrer Kindheit und Jugend verbrachte sie in Cali, wo sie auch Abitur machte. Alles fing damit an, dass ihre Mutter auf der Kaffee-Finca eines Großgrundbesitzers als Köchin arbeitete. Dessen Familie hatte auch ein Haus in Cali. Als deren Kinder zum Schulbesuch in die Stadt zogen, ging Rosalbas Mutter samt ihrer Tochter mit. „Meine Mutter konnte weder lesen noch schreiben“, erzählt Rosalba. Nach etwa zwei Jahren bekam die Mutter das Angebot, in Bogotá für eine begüterte Familie zu arbeiten. „Meine Mutter hatte damals drei sehr gute Freundinnen. Untereinander halfen sich die vier, betreuten die Kinder der anderen, wenn jene arbeiten mussten. Doña Eva passte auf mich auf, mit ihrer jüngsten Tochter verstand ich mich sehr gut. Eva hatte mich richtig liebgewonnen.“ Eva bot Rosalbas Mutter an, dass Rosalba bei ihnen in Cali bleiben könne. „15 Jahre lebte ich dann mit ihnen in Cali. Ich hatte das Glück eine zweite, nicht leibliche Mutter zu haben. Ihre Töchter waren wie meine Schwestern.“ Zwei­­mal im Jahr sah sie ihre leibliche Mutter, im Dezember besuch­ten sie zusammen die Großeltern in der Gemeinschaft im Cauca. „Als Jugend­liche reiste ich immer öfter ins Territorium, um meine Familie zu sehen. Ich war immer ganz beeindruckt. Zum einen, weil meine Großeltern sehr spirituell waren. Unsere traditionelle Medizin spielte bei ihnen eine wichtige Rolle. Zu jedem Jahresende bekamen wir Kinder und Jugendliche eine traditionelle medizinische Behandlung vom Heiler Santos. Das war meistens sonntags. Wenn wir dann am Cabildo, dem Sitz der indigenen Lokalregierung, vorbeikamen, sah ich dort die indigenen Gemeindevertreter mit ihren bastones, den Stöcken mit den bunten Bändern, versammelt. Dieses Bild hat sich mir eingebrannt.“ So reifte in Rosalba früh der Wunsch, eines Tages Teil dieser Gemeinschaft zu sein.

Vom Großstadtbüro zur Kärrnerarbeit im Territorium

Nach dem Abitur besorgten ihre Ziehschwestern Rosalba eine Stelle als Buchhaltungsassistentin in einem Ingenieurbüro. „Ein Jahr lang hielt ich es dort aus. Dann kündigte ich. Das war kein Leben für mich, mit den hohen Absätzen, der Schminke, den großen Handtaschen und eleganten Kleidern.“ Rosalba entschied sich, ins Territorium zurückzukehren. Dort stieß sie zunächst auf Unverständnis: „Was willst du hier, bleib doch in Cali, wo du dir ein Leben aufgebaut hast, sagten sie mir. Hier wirst du nicht weiterlernen können und bestimmt eine Menge Kinder bekommen.“ Entgegen dieser Unkenrufe studierte Rosalba weiter: Wirtschaft an der indigenen Fachhochschule CECIDIC in Toribío. Dieser Studiengang war so ausgerichtet, dass er auch die spezifischen Umstände der indigenen Gemeinden berücksichtigt.

Ein weiteres Hindernis: Rosalba sprach nicht die Sprache ihres Territoriums. „Ich musste mir meinen Platz gegen ziemliche Widerstände erkämpfen. Wie überall, wo etablierte Kräfte dem Nachwuchs kritisch gegenüberstehen, vor allem, wenn es sich um eine junge Frau handelt.“ Doch sie machte ihren Weg. Weil sie Abitur hatte, bekam sie einen Job in der Geschäftsführung einer Schule, lernte darüber die Familien der Gemeinden kennen und machte sich einen Namen. Und schon 1999, mit 22 Jahren, wurde sie stellvertretende Kommissarin ihres Cabildos. „Das war allerdings sehr frustrierend. Die Autoritäten des Cabildo stehen nach ihrer Amtszeit stark in der Kritik. Immer. Wir waren da keine Ausnahme. Uns wurde zum Beispiel vorgeworfen, wir hätten Kühe gestohlen. Für mich als Neuling war das sehr hart.“ Rosalba suchte nach einer anderen Aufgabe innerhalb des CRIC und begann sich in der Jugendbewegung zu engagieren. Als Freiwillige in der Jugendorganisation bekam sie dann auch die ersten Jahre ihres Wirtschaftsstudiums bezahlt.

Einsamkeit im obersten Amt

„Wir Frauen machen Politik auf eine andere Art und Weise“, ist Rosalba überzeugt. „Wir schwingen keine großen Reden, sondern machen einfach. Unsere Sprache schließt die Leute ein. Leider haben die meisten den Machismo total verinnerlicht. Das Patriarchat bringt uns bei, dass wir andere Frauen als Konkurrentinnen sehen und eifersüchtig sind. Das zu überwinden, kostet viel Kraft. Wenn wir uns zusammentun, kommen wir aber weiter. Wir Frauen wollen auch studieren, führen, Autorität sein. Gleichzeitig wusste ich, dass ich Mama sein wollte. Das heißt doppelte Arbeit. Und ich musste dafür früh aufstehen.“ Rosalba bezeichnet sich heute als „feminista comunitaria“, als kommunitäre Feministin. „Du musst Empathie aufbringen und Vorbild sein: Du kannst nicht von etwas sprechen, wenn du es nicht selber lebst. Klar, niemand ist perfekt, wenn wir Fehler machen, müssen wir darüber sprechen und uns zu bessern versuchen. Den Männern fällt es manchmal schwerer, Kritik anzunehmen. Als Mutter eines Sohnes versuche ich ihm beizubringen, ein anderer Typ Mann zu sein.“

In der Amtsperiode 2023 bis 2025 war Rosalba Teil der zehnköpfigen Consejería Mayor, des Obersten Rates des CRIC. „In diesem Rat, wie auch in den anderen Gremien mit Entscheidungsmacht, sind wir Frauen noch weit davon entfernt, gleichberechtigt vertreten zu sein.“ Das gemeinsame Mandat erfordert viel Verantwortungsbereitschaft, schließlich ist der Rat für 352 000 Personen zuständig: „Wir müssen den Dialog mit der lokalen und der nationalen Regierung, dem Präsidenten und den Ministern führen, uns mit den Ereignissen in den Territorien auseinandersetzen, wo bewaffnete Akteure Kinder entführen. Wir müssen vor Ort präsent sein und dürfen nicht die Fehler machen, die wir bei anderen kritisieren. Wir müssen integer sein und immer besser werden. In diesen beiden Jahren habe ich mich oft einsam gefühlt. Du hast wenig Frauen um dich herum. Eigentlich habe ich viele Freundinnen. Aber in dieser Zeit haben sich nur wenige bei mir gemeldet.“

Unsere erkämpften Rechte lassen wir uns nicht nehmen

Die indigenen Gemeinden im Cauca leiden in den letzten Jahren unter der eskalierenden Gewalt von bewaffneten Akteuren, die eng mit der Drogenwirtschaft verbunden sind. Immer mehr Kinder und Jugendliche werden von den Narco-Akteuren rekrutiert oder zwangsverschleppt. Wer sich widersetzt, wird gewaltsam aus dem Weg geräumt. So hat der CRIC viele Tote zu beklagen.

Ein wesentliches Ziel des CRIC lautet: Befreiung der Mutter Erde. Auf dem Land, das den indigenen Gemeinden seit der Kolonialzeit von Kirche und Siedler*innen genommen worden ist, befinden sich vor allem Zuckerrohrplantagen. Die Regierung unter Ex-Präsident Petro hatte einige dieser Ländereien aufgekauft und den Gemeinden übergeben. „Wir befreien Mutter Erde vom Zuckerrohr, von Agrargiften, von den schweren Maschinen. Das Zuckerrohr wird heute auch für Treibstoffe verwendet“, erklärt Rosalba. „Wir hingegen pflanzen Lebensmittel an, damit kehrt das Leben zurück.“

Wie blickt sie der Regierungszeit von Abelardo de la Espriella entgegen? „Im Wahlkampf hat er viel gesagt. Jetzt heißt es abwarten, was er wirklich davon umsetzen kann. Aber eins ist klar: Was wir einmal erkämpft haben, werden wir uns nicht so schnell nehmen lassen. Beim Kampf für unsere Rechte haben wir viele Leben verloren. Deswegen werden wir dafür einstehen, dass sie bestehen bleiben.“


Das Online-Interview mit Rosalba Velasco führte Britt Weyde am 13. August 2026.


Dieses Interview wurde zu erst in der Zeitschrift ILA Nr. 498 am 2.9.2026 veröffentlicht.
Die Veröffentlichung hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin und der ILA.


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