»Wir warten nicht auf unsere Ehemänner«

Kaffeeanbau und Emanzipation im Cauca/Kolumbien

Die Kaffeebäuerin Aurora Campo ist Teil der Kooperative CENCOIC. Foto: Kaffeekollektiv Aroma Zapatista

Die Situation der Frauen innerhalb der indigenen Bewegung der Provinz Cauca im Südwesten Kolumbiens ist im Umbruch: Es fehlt noch einiges zu wirklicher Gleichberechtigung. Gleichzeitig haben die Frauen befreiende Prozesse in Gang gesetzt. Das zeigt sich auch in der CENCOIC, der zentralen Kaffeekooperative der Bewegung.

von Martin Mäusezahl / Januar 2020

Die 26-jährige Kaffeebäuerin Nora Taquinás steht zwischen ihren Kaffeepflanzen. Die Nasa-Indigene berichtet, wie sie 2013 mit dem Anbau auf ihrer eigenen Parzelle begann: »Ich habe die Felder alleine angelegt, selbst geerntet und die Bohnen getrocknet. Es hat mich viel Kraft gekostet. Aber ich finde es sehr schön, in die Erde einzutauchen und Teil dieses Prozesses zu sein.« Das überträgt sich auch auf Leo, ihren vierjährigen Sohn, der die Parzelle begeistert präsentiert.

Nora ist alleinerziehende Mutter und stellvertretende Gouverneurin des Resguardo Indigena (1) von Tacueyó. Als solche trägt sie einen bastón – das Symbol der Amtsträger*innen im Consejo Regional Indigena del Cauca (CRIC, Indigener Regionalrat des Cauca). Dieser Zusammenschluss der indigenen Selbstverwaltungsgebiete der Provinz wurde hier in der Gemeinde La Susana gegründet. »Mein Vater war 1971 einer der Gründer des CRIC«, erzählt Nora.

La Susana liegt tief in den Hängen der Zentralkordilleren. In den zahlreichen indigenen Gemeinden, die hier leben, bringen (neo-)koloniale Ausbeutungsstrukturen große wirtschaftliche Not. Dazu traf der bewaffnete Konflikt zwischen kolumbianischem Staat und verschiedenen Guerillas die Zivilbevölkerung besonders hart. Drogenkartelle und paramilitärische Gruppen terrorisieren die Bevölkerung bis heute. Besonders Frauen sind von Armut, fehlender Bildung und Gewalt betroffen.

Nora Taquinás, Kaffeebäuerin in der Kooperative CENCOIC und stellvertretende Gouverneurin des Resguardo Tacueyó. Foto: Kaffeekollektiv Aroma Zapatista

Aufgrund ihrer schwierigen Lage organisieren sich immer mehr indigene Gemeinden im CRIC – mittlerweile rund 260.000 Menschen. Gemeinsam kämpfen sie gegen ihre Diskriminierung als Indigene und die Ausbeutung als Kleinbäuerinnen und -bauern. Die Bewegung ist zu einer starken Kraft und zu einem Vorreiter für ganz Kolumbien geworden.

Ihr zentraler Pfeiler sind die 94 Resguardos Indigenas, deren Autonomierechte nach langem Kampf durch die kolumbianische Verfassung von 1991 anerkannt wurden. In den Selbstverwaltungsgebieten organisieren die Menschen ihre Verwaltung, sowie Teile ihrer Bildung, Gesundheitsversorgung und Wirtschaft nach eigenen Vorstellungen. Das Land ist Kollektivbesitz und unveräußerlich. (2)

Ein emanzipatorischer Aufbruch

Für viele Frauen hat die indigene Bewegung grundlegende Veränderungen gebracht. Innerhalb der eigenen Strukturen boten sich ihnen erstmals weitgehende Möglichkeiten zur Erlangung von Ausbildungen, Arbeitsstellen und politischen Ämtern. Das zeigt sich auch in der Kaffeekooperative CENCOIC. So erzählt die 53-jährige Kaffeebäuerin Cecilia Valencia aus dem Selbstverwaltungsgebiet San Lorenzo: »Weil meine Eltern so arm waren, konnte ich nur die Grundschule besuchen. Erst mit 25 Jahren, als verheiratete Frau mit zwei Kindern, habe ich in einem Bildungsprogramm des CRIC meine Mittlere Reife nachgeholt.«

Heute ist die Nasa-Indigene Vorsitzende des Kontrollausschusses der Kooperative. Dieser muss regelmäßig die Finanzen und Tätigkeiten der CENCOIC prüfen und den rund 2.800 Mitgliedern Bericht erstatten. »Für mich war die CENCOIC eine Schule«, sagt Cecilia. »Ich war nur eine Hausfrau und Kleinbäuerin. Ich wusste nichts von Buchhaltung. Seit ich Mitglied bin, konnte ich viele Erfahrungen machen. Zunächst lernte ich die wirtschaftlichen Abläufe. Später wählten sie mich zur Leiterin der Kaffeeproduzent*innen-Gruppe im Resguardo.«

Lucia Valencia, 22 Jahre, eine von Cecilias Töchtern, arbeitet seit kurzem in der Qualitätsabteilung der Kooperative. Wie sie verdienen sich mittlerweile viele, vor allem jüngere Frauen, in den Institutionen der Bewegung eigenständig ihren Lebensunterhalt. Magalí Hoyos etwa: Die Betriebswirtin ist 30, unverheiratet und ohne Kinder. Sie arbeitet in der Verwaltung der CENCOIC. Selbstbewusst berichtet die Yanacona-Indigene von ihrem Werdegang durch verschiedene Einrichtungen der Bewegung. »Seit 2011 ist die CENCOIC eine Schule und eine wichtige Unterstützung in meinem Leben. Sie hat mir ermöglicht, als Person zu wachsen, mein Studium fortzusetzen, meine Studiengebühren abzuzahlen.«

Diese Erfolge trotz schwieriger Bedingungen haben die Frauen selbstbewusst gemacht. »Das geschafft zu haben zeigt: Wir Frauen sind stark«, sagt Magalí. Diese Stärke unterstreicht auch Nora: «Die tragischen Erfahrungen während des bewaffneten Konfliktes haben uns sehr geprägt. Es gibt Frauen, die den Krieg wirklich am eigenen Leib erfahren haben. Aber heute siehst du sie und sie lächeln, sie sind Führungspersönlichkeiten, treiben Veränderungen an, sind Lehrerinnen, geben Kindern Orientierung. Ich sage, unsere Stärke ist die Spiritualität, die uns Mutter Natur gegeben hat. Diese Gabe, trotz allem, weitermachen zu können, etwas aufzubauen.« Viele in der Bewegung betonen die Bedeutung der indigenen Spiritualität und Weltsicht. Es ist für sie eine zentrale Ressource gegen das seit der europäischen Invasion aufgezwungene westlich-kapitalistische Weltbild, das aus der Natur und den Menschen hier Objekte von Ausbeutung und Zerstörung macht.

Auch wenn immer mehr Frauen Ämter und Stellen in der Bewegung einnehmen, sind die indigenen Frauen größtenteils Kleinbäuer*innen. Eine davon ist Aurora Campo aus dem Resguardo Tacueyó. Mit der Machete in der Hand zeigt die 40-Jährige die Kaffeefelder, die sie zusammen mit ihrem Mann bewirtschaftet, und erzählt: »Wir waren sieben Geschwister. Meine Mutter konnte sich keine Schule für uns leisten. Mit 15 Jahren, sehr jung noch, habe ich geheiratet und bekam meine erste Tochter. Wir waren sehr arm. Ich habe sehr viel durchgemacht, habe viel gearbeitet, alles Mögliche, um meine fünf Kinder zu ernähren. Dennoch fühlte ich mich oft schlecht, weil ich meinen Kindern keine gute Bildung ermöglichen konnte.«

Mit der Parzelle, die die Familie von der Selbstverwaltung erhalten hat, sowie der Mitgliedschaft in der CENCOIC besteht nun eine gewisse wirtschaftliche Sicherheit. »Die Kooperative hat mir geholfen, den Boden, die Qualität, die Erträge zu verbessern. Und deshalb habe ich vor, voranzukommen, mehr zu erreichen, viel mehr Kaffee zu verkaufen.« Und auch sie sagt: »Wir indigenen Frauen sind stark und sehr tüchtig. Wir machen und können alles: aussäen, die Männer versorgen, den Kaffee trocknen, alles, was ansteht. Wir tun, was es zu tun gibt, und warten nicht auf unsere Ehemänner.«

Ein Kaffee von Frauen

Trotz vieler bestärkender Erfahrungen benennen alle Frauen auch Diskriminierungen: die verbreitete Gewalt gegen Frauen, fehlender Respekt, fehlende Teilhabe in den Bewegungsstrukturen sowie Unsichtbarmachung (3). Dies ist verbunden mit ihrer wirtschaftlichen Benachteiligung: »In der indigenen Bewegung wie in ganz Kolumbien gibt es einen starken Machismo«, erklärt Juan Carlos Guampe, Geschäftsführer der Kooperative. »Ein zentraler Grund dafür ist, dass traditionell nur die Männer die wirtschaftlichen und öffentlichen Aufgaben innerhalb der Familie erfüllen. Sie gehen zum Markt, besitzen die Landtitel, haben die Kontrolle über die Einnahmen und sind diejenigen, die politische Ämter übernehmen.«

Die CENCOIC will das ändern. So können Ehepartner auch jeweils einzeln Mitglied werden. Einige der rund 900 Frauen, die aktuell eigenständige Mitglieder der CENCOIC sind, sind alleinstehend. Der Großteil aber ist verheiratet und ihre Partner sind ebenfalls Mitglied. Diese Frauen haben ihr eigenes Feld, tragen die wirtschaftliche Verantwortung und verfügen über die Einnahmen. Dies befreit sie aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit von ihrem Ehemann und verschafft ihnen eine gewisse Autonomie.

Diesen Prozess will die Kooperative nun auch mit einem Kaffee fördern, den ausschließlich die weiblichen Mitglieder der Kooperative angebaut haben. »Neben der wirtschaftlichen Unabhängigkeit geht es bei diesem Kaffee auch um die Anerkennung und die Sichtbarmachung der Frauen und ihres zentralen Beitrags zur Wirtschaft, den Kämpfen, dem Zusammenhalt und dem kulturell-sozialen Überleben der indigenen Gemeinden«, unterstreicht Juan Carlos. Denn, so Cecilia, »Frauen sind in der Bewegung sehr aktiv, aber sie bleiben im Hintergrund, werden nicht gesehen.« Doch das ändert sich:
»Ich habe aufgehört, nur im Haushalt zu arbeiten und bin nun aktiv im politischen und öffentlichen Bereich, bin wirtschaftlich nicht mehr abhängig von meinem Ehemann. Das ist es, was ich mir für alle Frauen wünsche.«


1 Resguardos Indigenas sind von der Bewegung erkämpfte indigene Selbstverwaltungsgebiete. Das Resguardo von Tacueyó hat 16.000 Einwohner*innen.

2 Zur Indigenen Bewegung im Cauca siehe: Zwischenzeit (Hg.), Land, Kultur und Autonomie. Die indigene Bewegung im Cauca (Kolumbien), Münster 2019

3 Vgl. die Website von Aroma Zapatista; sowie den Artikel »Wir indigenen Frauen mussten Widerstand innerhalb des Widerstands leisten« in: frauen*solidarität Nr. 149/150


Martin Mäusezahl ist Teil des Kaffeekollektivs Aroma Zapatista, das neuerdings den Espresso »Tierra y Luna« anbietet. Dieser wird aus Rohkaffee geröstet, den die Frauen der CENCOIC anbauen.


Dieser Artikel wurde zu erst in der Zeitschrift iz3w Nr. 376 (Januar/Februar 2020) veröffentlicht.


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