Vier Prinzipien für das Leben

Ein Gespräch über gewonnene Kämpfe, gegenwärtige Herausforderungen und Zukunftsvisionen

Nelly Valencia Yule (rechts) und Rosalba Velasco (links) beim Treffen „Erschafferinnen des Friedens“ zwischen Mapuche-Frauen aus Araucania, Chile, und indigenen Frauen des Cauca, Popayán, Mai 2024. Sie waren die zwei weiblichen Mitglieder des zehnköpfigen Obersten Rates des CRIC in der Amtsperiode 2023-25. Foto: Karina Gugú Hurtado – Proceso de Mujeres CRIC.

Nelly Valencia Yule war in der Amtsperiode Mitte 2023 bis Mitte 2025 Teil der zehnköpfigen Consejería Mayor, des Obersten Rates des CRIC. Die Nasa stammt aus dem Resguardo Peñón im Südwesten des Departements Cauca. Nachdem sie aufgrund des bewaffneten Konflikts aus dem Norden des Cauca vertrieben wurde, gelangte ihre Familie über mehrere Stationen im Jahr 2000 in dieses Selbstverwaltungsgebiet. Nelly Valencia war dort Gouverneurin, ebenso war sie Koordinatorin der Frauenabteilung des CRIC und auf lokaler, zonaler und regionaler Ebene in der Guardia Indígena aktiv.

Martin Mäusezahl und Eliseth Libertad Peña Quistial / Dezember 2025

Das leitende Motto des CRIC lautet „Zusammenhalt, Land, Kultur und Selbstbestimmung“. Welche Bedeu­tung haben diese vier Begriffe heute für die indigenen Gemeinden des Cauca?

Diese vier Prinzipien dienen unserem Überleben als Pue­blos Indígenas. Das Land ist für uns nicht nur Produktions­mittel, sondern eine Mutter, unser Lebensraum, den wir schützen müssen. Deshalb verteidigen wir es mit unserem Leben. Das Land gehört uns nicht nur, weil wir hier leben und seit jeher hier gelebt haben, sondern auch weil unser Schutz dieser Lebensräume für das Überleben der ganzen Menschheit notwendig ist. Und das ist die Ursache für die Konflikte, die wir aktuell haben. Schließlich wollen viele das Land ausbeuten, während wir uns darum kümmern und es schützen.

Unsere eigenen Lebens- und Gesellschaftsweisen sind wichtig, weil die Stärkung unserer Territorios nur auf Grundlage dieser Wurzeln möglich ist. Für ihre Verteidigung dürfen wir die Grundlage des Lebens, die unsere Vorfahren geschaffen haben, nicht verlieren – nicht nur die der Nasa, sondern auch die der anderen zehn Pueblos im CRIC. Das Zusammenwirken der Kulturen macht unsere Vielfalt aus und hat es uns ermöglicht, uns gegenseitig zu stärken.

Wenn es den Zusammenhalt nicht gäbe, wenn wir trotz Unterschieden nicht alle in die gleiche Richtung gingen, hätten wir in den letzten 54 Jahren nichts erreicht. Dann hätten die Spaltungsversuche der Regierungen funktioniert. Nur durch Zusammenhalt können wir schwierige Situationen und Konflikte überstehen.

Wir kämpfen darum, die volle Selbstbestimmung zu erreichen. Wir haben schon eine gewisse Autonomie in unseren Selbstverwaltungsgebieten, aber noch sind wir in vielem abhängig von der Regierung, dem Staat, der Mehrheitsgesellschaft, in die wir ohne Berücksichtigung der Unterschiedlichkeit einverleibt werden sollen. Wirkliche Selbstbestimmung haben wir erst erreicht, wenn die in der Verfassung garantierten Rechte, als eigenständige Pueblos Indígenas anerkannt zu werden und uns auf Basis unserer Traditionen etwas Eigenes aufbauen zu können, in der Praxis auch tatsächlich umgesetzt würden. Stattdessen müssen wir weiter für unsere Rechte und unsere Autonomie kämpfen.

Ein wichtiger Schritt in diese Richtung war, dass wir das Gesetzesdekret über die ATEA, die territorialen Hoheitsrechte in Umwelt- und Wirtschaftsfragen (mehr dazu), erreicht haben, um die wir viele Jahre gekämpft haben.

Die indigenen Gemeinden des Cauca haben in den letzten Jahren unter zunehmender Gewalt durch bewaffnete Gruppen gelitten, die eng mit der Drogenwirtschaft verbunden sind (mehr dazu). Was sind Ihrer Meinung nach die Ursachen dieses Problems?

In Kolumbien und insbesondere im Cauca gibt es seit Jahrzehnten einen Kreislauf soziopolitischer Gewalt aufgrund des bewaffneten Konflikts. Außerdem sind unsere Gebiete abgelegen und von besonderem Naturreichtum. Das eine ist interessant für die bewaffneten Gruppen, das andere für transnationale Konzerne – und wir sind gegen beide Akteure.

Ein weiterer Aspekt ist die wirtschaftliche Not vieler Familien, die von den bewaffneten Gruppen ausgenutzt wird, um die Drogenwirtschaft zu stärken. Einige Gemeindemitglieder begannen, um wirtschaftlich zu überleben, ihre Grundstücke an Menschen aus anderen Teilen Kolumbiens oder dem Ausland zu verpachten. So begann der Anbau von Pflanzen zur illegalen Nutzung in unseren Gebieten – und mit ihm kamen die bewaffneten Gruppen, die sich über die Drogenwirtschaft finanzieren. Da es kein landwirtschaftliches Produkt gibt, das preislich mit diesen Pflanzen mithalten kann, hat sich dieses Übel leider immer weiter ausgebreitet. Heute ist es fast unmöglich, es wieder loszuwerden. Jedes Mal, wenn wir uns gegen die bewaffneten Gruppen aussprechen und sie aus unseren Territorios werfen wollen, kommt es zu vielen Opfern.

Das Problem war also zunächst wirtschaftlicher Natur und hat sich dann zu einem gesellschaftlichen Problem entwickelt. Im Jahr 2024 wurden 987 Indigene aus dem Cauca in unterschiedlicher Form Opfer des bewaffneten Konflikts, auch viele Frauen und Mädchen. Die Zahl der Zwangsrekrutierungen von Minderjährigen ist ebenfalls extrem hoch, 2024 waren es 219 Fälle, aber die Dunkelziffer ist weit höher. Die Mädchen und Jungen werden durch Täuschung, Geldversprechungen und vorgespielte Liebesbeziehungen für die Gruppen gewonnen.

Wie begegnet der CRIC diesen Problemen?

Die Strategie unserer Organisation ist die Stärkung der eigenen Wirtschaft (mehr dazu) und der Familie als der grundlegenden Instanz unserer Gemeinden. Hierdurch wollen wir die Jugend wieder für ihre Territorios begeistern, ebenso wie durch die Stärkung von Kunst, Kultur und Bildung – also mit der Anerkennung aller Fähigkeiten junger Menschen.

Mit unserer eigenen Universität UAIIN etwa, die zu ihnen in die Gemeinden kommt, wollen wir den jungen Menschen einen Ort geben, an dem sie sich aufgehoben fühlen und der es ihnen ermöglicht, nützlich für ihre Gemeinden und die ganze Gesellschaft zu sein. Auch der Sport ist wichtig. Wir organisieren verschiedene Wettkämpfe und haben ein registriertes CRIC-Radsportteam, das schon an der Kolumbien-Rundfahrt der Jugend teilgenommen hat.

Zudem gibt es das Programm Enraizamiento (dt.: Verwurzelung), mit dem wir unsere zwangsrekrutierten Jugendlichen wieder zurückholen und versuchen, ihnen einen Neustart zu ermöglichen.

Die Guardia Indígena nimmt Aufstellung. Foto: Enrique Ramirez.

Die Guardia Indígena ist eine Strategie, mit der die Bewegung der Gewalt begegnet, aber gleichzeitig ist sie auch am stärksten davon betroffen. Wie bewertet der Oberste Rat des CRIC die Guardia Indígena?

Die Guardia ist für die indigenen Gemeinden eine der wichtigsten Stützen. Daher wird sie so stark angegriffen. Wir als Oberster Rat bemühen uns, sie zu unterstützen. Dabei geht es um drei Aspekte: Zunächst wollen wir ihr im Politischen einen Raum geben. Sie ist eine politische Organisationsstrategie zur Stärkung der Territorios und zur konkreten Einforderung unserer Rechte. Sie ist immer einsatzbereit, wenn die Gemeinden sie brauchen. Daher soll die Guardia Indígena beim 17. Kongress des CRIC ihre politischen Positionen und ihre Zukunftsvisionen einbringen.

Ein weiterer Aspekt ist die Sicherheit. Wer passt auf diejenigen auf, die auf uns aufpassen? Wer kümmert sich um die Guardia? Wir müssen alle aufeinander aufpassen, denn wir können nicht zulassen, dass noch mehr Guardias Opfer der Gewalt werden. Daher stärken wir Ausbildungs- und Schulungsmaßnahmen für sie.

Damit verbunden ist der dritte Aspekt: Wir stärken die eigene Wirtschaft und die Einbindung der Guardia Indígena. Damit soll einerseits ein Beitrag zu den Lebenshaltungskosten der einzelnen Guardias geleistet werden, andererseits die Guardia als Ganzes besser aufgestellt werden.

Trotz aller Schwierigkeiten ist die Guardia Indígena als Schutz innerhalb des bewaffneten Konflikts sehr erfolgreich. Wie schafft sie das ohne Waffen?

Was die Guardia und die gesamte indigene Bewegung stark macht, ist die Spiritualität. Auf ihr basiert unser Überleben. Sie schützt uns und zeigt uns den Weg. Die Guardias sind ständig in Verbindung mit den heiligen Stätten. Sie sind in Bildungs- und Austauschprozessen mit den Mayores Espirituales. Diese vermitteln ihnen Weisheit und geben ihnen auf Basis der indigenen Medizin Orientierung.

Daneben geht es darum, politische Strategien zu entwickeln, um uns selbst schützen zu können und klar zu machen, dass unsere Territorios uns gehören. Weder die bewaffneten Gruppen noch das Militär haben Zutritt.

Von den Vertreter*innen der Jugend haben wir gehört, dass sie sich oft nicht ausreichend von den Selbstverwaltungen und den Älteren gehört und einbezogen fühlen – auch nicht in die Strategien zur Stärkung der Jugend. Wie sehen Sie als Oberster Rat das?

Wir respektieren die selbstbestimmten Räume der indigenen Jugend. Das ist die Basis, damit sie sich selbst politisch stärken. Wie die Frauenabteilung und die Guardia Indígena ist die Jugendabteilung innerhalb der Organisation autonom. Sie können Treffen abhalten, sie wählen ihre Koordination, treffen in ihrem Bereich Entscheidungen, entwickeln eine eigene Agenda. Und sie machen eigene Vorschläge für die Bewegung, die wir uns anhören, denn sie sollen sagen, wie sie es sehen und ob sie sich in den Aktivitäten des CRIC wiederfinden.

Wir wissen, dass noch einiges fehlt, aber das hängt auch von den Jugendlichen selbst ab. Dies ist ein kollektiver, generationenübergreifender Prozess. Wir entscheiden zusammen und unterwerfen uns alle diesen Entscheidungen, denn wie ich bereits gesagt habe: Nur der Zusammenhalt, die gemeinsame Anstrengung von Frauen, Männern, Alten, Kindern und Jugendlichen, ermöglicht uns das Überleben.

Nelly Valencia Yule. Foto: Enrique Ramirez

Wie sind bisher die Erfahrungen des CRIC mit der kolumbianischen Regierung unter Gustavo Petro?

Sie hat sehr gute Absichten. Mit dieser Regierung haben wir die Verabschiedung des erwähnten ATEA-Dekrets erreicht, ebenso das Dekret über das eigene indigene Gesundheitssystem SISPI und das Gesetz über das eigene indigene Bildungssystem SEIP (mehr dazu). Sie hat sich um neue Bestimmungen bezüglich der Volkszählung und des Landkatasters bemüht. Vieles, was wir über Jahre aufgebaut und gefordert haben, wurde nun anerkannt.

Die große Schwierigkeit besteht darin, wie alle diese Erlasse finanziert und damit konkret umgesetzt werden können. Kolumbien durchlebt gerade eine schwierige wirtschaftliche Phase, die Steuereinnahmen sind eingebrochen. Und der Kongress hat dem Präsidenten viele Türen verschlossen. Er hat dort viele Gegner. Die Reformvorschläge, die Volksbefragungen, alles wurde abgelehnt.

Aber insgesamt ist die Strategie, auf einen alternativen, von der armen Bevölkerungsmehrheit getragenen Präsidenten zu setzen, für uns aufgegangen. Es ist unmöglich, dass er in vier Jahren umsetzt, was mehr als 100 Jahre lang nicht gemacht wurde. Wir bräuchten noch einige Jahre alternativer Regierungen mehr, um das Land in ein politisches Gleichgewicht zu bringen. Wir wussten, dass es nicht leicht wird, aber wir kämpfen weiter. Die Regierung von Petro ist der Beginn vieler weiterer Kämpfe der Bevölkerung.

Welche Visionen für die Zukunft hat die indigene Bewegung? Wie stellen Sie sich die Situation der Gemeinden im Jahr 2050 vor?

Für uns ist dieser langfristige Blick wichtig. So sehen wir, dass das, was wir jetzt machen, der Anfang eines Weges ist. Im Jahr 2050 werden wir unsere Territorios selbstbestimmt regieren. Sie sind befreit vom bewaffneten Konflikt. Ein wirklicher Friedensprozess wird umgesetzt. Wir sind ein Stück weit entgiftet. Dies erreichen wir durch eine starke eigene Wirtschaft, die auf biologischen Anbau setzt. Es gibt keine Zwangsrekrutierungen mehr und keine Gewalt gegen Frauen. Und es gibt keine Gefängnisse mehr. Sicherlich werden wir immer Fehler begehen, aber es wird andere Wege geben um die Menschen, die einen Fehler gemacht haben, wieder in die Territorios und die ganze Gesellschaft zu integrieren. Ich sehe bestellte Felder und eine andere Art und Weise, unserer Unterschiedlichkeit zu begegnen. Und ich sehe ein ausgeglicheneres, gerechteres Land.


→ Begriffe mit einem Pfeil werden im Glossar erklärt.


Das Interview führten Martin Mäusezahl und Eliseth Libertad Peña Quistial im Mai 2025 online. / Übersetzung: Martin Mäusezahl


Dieser Artikel ist Teil der Broschüre „Land, Kultur und Autonomie – Die indigene Bewegung des Cauca (Kolumbien), Band 2“, die im Dezember 2025 gemeinsam von Transgalaxia e.V. und der Zeitschrift ila veröffentlicht wurde. Sie kann beim Kaffeekollektiv Aroma Zapatista und bei der kollektiven Kaffeerösterei la gota negra bezogen werden.


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