Das kulturelle Fühlen und Erleben der Pueblos Indígenas im Cauca

Welche Bedeutung hat die Madre Tierra, die Mutter Erde, in den indigenen Weltanschauungen des →Departements Cauca? Welche Rolle spielt sie für die Praktiken der Spiritualität und der Bildung? Ein kleiner Einblick, wie die →Pueblos Indígenas des Cauca die Welt verstehen und dabei Handeln, Fühlen und Verbundenheit im Zentrum stehen.
von Lenin Anacona Obando / Dezember 2025
Für den Widerstand und die politische Emanzipation bei der Gründung des →CRIC spielte der Kampf um die Rückgewinnung der Tierra, des Landes als physisch sichtbarer Raum, eine so wichtige Rolle, dass er bis heute der erste Punkt im Programm des CRIC ist: „Das physisch sichtbare Land der Selbstverwaltungsgebiete zurückgewinnen und die →Territorios und Lebensräume der indigenen Gemeinden verteidigen”. Nach wie vor ist dieses physisch sichtbare Land der Ort des Widerstands gegen die systematische Enteignung durch externe Landnahme, gegen Bergbau, Monokulturen sowie den Anbau von Pflanzen zur illegalen Nutzung. Dieses Land ist ein Ort voller Erinnerungen, voller Kämpfe der →Mayores, der verdienten Gemeindemitglieder, und ebenso voller Toter, Verwundeter, Waisen und zerstörter Familien, die Opfer der Gewalt durch Eindringlinge wurden.
Auf diesem Land bauen wir die Nahrungsmittel an, die uns mit dem Lebensnotwendigen versorgen. Es ist aber nicht nur der Boden, auf dem wir stehen, sondern auch ein Ort schöner Gefühle. Hier verwurzelt sich in unseren Herzen das Gemeinschaftsgefühl und die spirituelle Verbundenheit mit dem Netz des Lebens, das wir uns mit allen sichtbaren und unsichtbaren Lebewesen teilen. Diese Erde ist selbst ein Lebewesen, mit dem wir wie Kinder mit einer lebensspendenden Mutter verbunden sind. Sie ist unsere Mutter Erde, sie ist die Gesamtheit von Raum und Zeit, die das Gleichgewicht zwischen allen Wesen webt und aufrechterhält. Sie ist das kulturelle und spirituelle Fühlen aller Pueblos Indígenas des Cauca.
Demgegenüber ist das Territorio der kollektive Raum, auf dem die Selbstverwaltung basiert. Dort wird die Selbstbestimmung aus der Kraft der Familien und der Gemeinschaft heraus gelebt und umgesetzt. Dort werden die →Planes de Vida, die Gemeindepläne für das Leben, gestärkt, die der zentrale Weg für das Überleben und den Fortbestand in Zeit und Raum sind.
Verbundenheit und Spiritualität
Aus unserer Verbindung mit der Mutter Erde erwächst die eigentliche Spiritualität. Wir erleben sie durch das geteilte Wort in der Tulpa (1), in unseren Ritualen, im Tanz, beim Weben oder durch unsere Musik, aber auch durch Familien- und Gemeindetreffen oder bei alltäglichen Aktivitäten. Auch wenn es in den meisten Pueblos Indígenas →Mayores Espirituales gibt, die auf der Grundlage ihrer Wahrnehmungen und Gefühle Orientierung geben, entsteht Spiritualität im Alltag, sie ist gemeinschaftlich und naturgegeben. Daher ist sie ein Weg, den wir alle selbst beschreiten müssen und nicht „Vermittler*innen” überlassen dürfen. Sie ist eine Haltung, die Mutter Erde mit den eigenen Sinnen und im Einklang mit dem Herzschlag der Pachamama, der Mutter Kosmos, zu durchstreifen: orientiert am Lauf der Sonne, am Mond, den Sternen und Sternbildern, den Wolken und den Zeichen, die alles um uns herum uns gibt. Über die Spiritualität tauschen wir uns mit den Seen, den Bergen, den Flüssen, den Bächen, den Kraftorten aus. Kraftorte sind Orte, die die Energien des Territorio in sich bergen, die Menschen bei deren rituellen Praktiken ins Gleichgewicht bringen und stärken, die deren alltäglichem Einsatz Sinn geben. Wir nennen diese Orte nicht „heilig“, da dieser Begriff von der aufgezwungenen Religion eingefärbt ist. Für uns ist das „Heilige” nicht das Weiße, das Unberührbare, sondern das Gemeinschaftliche: etwas, das man fühlen muss, das Schwarze der fruchtbaren, lebensspendenden Erde. Aus diesem Grund ist die Spiritualität der Kern der Verteidigung gegen den Extraktivismus und das Aufzwingen von anderen Religionen.
Wo Weisheiten gelernt und geteilt werden
Mutter Erde ist auch unsere Lehrerin. Sie versorgt uns mit Weisheiten, vermittelt sie den Mayores Espirituales und allen Menschen, die sie in einem Prozess des Anbauens und Pflegens empfangen können. Diese Weisheiten unterscheiden sich vom gewöhnlichen Wissen, da es sich um ein tiefgehendes Wissen handelt, das in der überlieferten Erinnerung verwurzelt ist. Es handelt sich nicht um einen Prozess der individuellen „Erleuchtung“, sondern es ist ein Weg, um Gemeinde und Territorio zu stärken.
Diese Weisheiten prägen unsere Konzepte von Forschung und Bildung. Für uns ist die Mutter Erde der Ort, an dem Weisheiten und Wissen gelernt und geteilt werden. Sie ist auch der Ort, dem die Frage innewohnt, der nachgegangen werden muss. Daher ist Forschung für uns etwas grundlegend Anderes: Sie ist nicht Wissensproduktion, sondern Aufzucht und Säen von Weisheiten und Wissen. Dieses Konzept wurde von der Interkulturellen Indigenen Autonomen Universität UAIIN des CRIC geprägt. Es wird also nicht nur geforscht, sondern auch selbst in der Kultur erlebt, mit dem Ziel, als Pueblos zu überleben. Mutter Erde ist ein Lernort, da sie spricht und sich mitteilt, was man durch Träume, ihre Farben, das Verhalten der sie bewohnenden Lebewesen, die Bewegung der Wolken sowie durch die Botschaft der Tiere und Pflanzen spüren kann. Man muss sie erwandern, berühren, bepflanzen, nicht nur in den Gedanken bleiben, sondern auch handeln. Sie zeigt uns, dass Bildung auf den Wegen, bei den →Mingas, in denen wir als Gemeinschaft arbeiten oder protestieren, in den Flüssen, bei den Ritualen und anderem stattfindet. Man lernt durch Beobachten, Teilen und Fühlen.
Mutter Erde ist die Beraterin, die für unser tägliches Handeln Orientierung gibt. Ihr Herzschlag muss als wechselseitig erlebt werden, mit dem Bewusstsein, dass sie weit über den vergänglichen Lauf von uns Menschen hinaus existiert. Daher bewegen wir uns als Gemeinden mit Respekt und Liebe in ihr, dort, wo wir Samen säen, Lieder singen, Erinnerungen pflegen und Taten vollbringen – als ihre jahrtausendealten Kinder.
→ Begriffe mit einem Pfeil werden im Glossar erklärt.
Anmerkungen:
(1) Gebäude, in dessen Mitte sich ein Feuer zwischen drei Steinen befindet; Ort des Zusammenkommens, Austauschs, Lernens, der Rituale, der Stärkung des Gleichgewichts und der Verbindung zum Territorio. Hier haben alle politischen, organisatorischen und spirituellen Prozesse ihren Ursprung.
Lenin Anacona Obando ist Yanakuna, Ökonom der Universidad Nacional und Absolvent des Studiengangs „Entwicklung mit Identität für das Gute Leben als Gemeinde“ der UAIIN (mehr dazu). Die Yanakuna sind ein Pueblo Indígena aus den Hochlagen der Anden-Zentralkordillere des Cauca, dessen Kultur mit den historischen Inka und den Quechua sprechenden Kulturen verbunden ist.
Übersetzung: Martin Mäusezahl
Dieser Artikel ist Teil der Broschüre „Land, Kultur und Autonomie – Die indigene Bewegung des Cauca (Kolumbien), Band 2“, die im Dezember 2025 gemeinsam von Transgalaxia e.V. und der Zeitschrift ila veröffentlicht wurde. Sie kann beim Kaffeekollektiv Aroma Zapatista und bei der kollektiven Kaffeerösterei la gota negra bezogen werden.
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