Indigene Rechtsprechung

Kurzinfo

Zerstörung der Tatwaffe durch die Guardia Indígena – San Lorenzo Caldono, Cauca. Foto: CRIC

Martin Mäusezahl und Eliseth Libertad Peña Quistial / Dezember 2025

Ende September 2025 wurde im Selbstverwal­tungsgebiet San Lorenzo de Caldono, Cauca, ein 24-jähriges Gemeindemitglied, das einer bewaffneten Gruppe angehörte, von der Guardia Indígena festgenommen und der Selbstverwaltung übergeben. Kurz zuvor hatte er ein anderes Gemeindemitglied erschossen. Die Selbstverwaltung berief eine Gemeinde­versammlung ein, die wenige Tage später gemäß der Nasa-Rechtsvorschriften auf Spanisch und Nasa Yuwe durchgeführt wurde. Hier wurde betont, dass diese Tat die gesamte Gemeinde tief getroffen habe. Sie stehe für die zunehmende Rekrutierung der Jugend. Bei der Urteilsfindung gehe es daher auch darum, das Gleichgewicht im Territorio wiederherzustellen, den Schmerz zu heilen und angesichts der Politik des Todes eine Politik des Lebens zu stärken (mehr dazu). Die Gemeindeversammlung verurteilte den Täter zu 40 Jahren Haft, ordnete die Zerstörung der Tatwaffe an und beschloss Rituale zur kollektiven Heilung.

Seit jeher praktizieren indigene Gemeinden Recht­sprechung gemäß ihrer Normen. Jedoch erkannte erst die kolumbianische Verfassung von 1991 ihr Recht darauf an, mit der Einschränkung, dass sie weder der Verfassung noch den staatlichen Gesetzen widersprechen darf. Auf dieser Grundlage wurde die Indigene Gesonderte Gerichtsbarkeit (Jurisdicción Especial Indígena, JEI) als Teil des kolumbianischen Rechtssystem geschaffen. Heute erkennt der kolumbianische Staat 115 indigene Justizwesen an, die von den Gemeinden selbst ausgeübt werden. Alle Gemeindemitglieder unterliegen der eigenen Gerichtsbarkeit, können sich aber auch an die allgemeine Justiz wenden. Diese Rechtspluralität ist bisher nicht ausreichend geregelt, immer wieder kommt es zu Kompetenzkonflikten mit dem allgemeinen Justizwesen sowie zu Eingriffen in die Rechte der indigenen Gemeinden. Die Regierung Petro und die indigenen Selbstverwaltungen haben indes einen Gesetzesvorschlag ins Parlament eingebracht, der Zuständigkeiten klarer regelt.

In den indigenen Gemeinden wird derweil eine kritische Auseinandersetzung über die Schwächen der JEI geführt. So kritisiert etwa die Frauenabteilung des CRIC den Umgang mit sexualisierter Gewalt. Nach Anzeigen werde zu wenig ermittelt. Die Verhandlungsführung vor der gesamten Gemeinde biete den Betroffenen nicht ausreichend Schutz, insgesamt würden die Bedürfnisse der Opfer zu wenig berücksichtigt.

Gemeinde-Versammlung im Februar 2019: Acht mutmaßliche Mitglieder der FARC-Dissidenz müssen sich der Indigene Rechtsprechung stellen – Foto: CRIC.

→ Begriffe mit einem Pfeil werden im Glossar erklärt.


Eliseth Libertad Peña Quistial ist →Nasa des →Cabildo Wejxia Kiwe Quintín Lame sowie Kommunikationswissenschaftlerin, Journalistin, Dokumentarfilmerin und Archivmitarbeiterin in der Stiftung Fundación Sol y Tierra.

Martin Mäusezahl ist Teil des Kaffeekollektivs Aroma Zapatista und hat für das Kollektiv 2025 die indigenen Gemeinden des Cauca erneut besucht.


Dieser Infotext ist Teil der Broschüre „Land, Kultur und Autonomie – Die indigene Bewegung des Cauca (Kolumbien), Band 2“, die im Dezember 2025 gemeinsam von Transgalaxia e.V. und der Zeitschrift ila veröffentlicht wurde. Sie kann beim Kaffeekollektiv Aroma Zapatista und bei der kollektiven Kaffeerösterei la gota negra bezogen werden.


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