Ein leerer Stuhl für Präsident Duque war stets dabei

Interview mit Eduin Mauricio Capaz Lectamo von der ACIN

Foto: ACIN

Eduin Mauricio Capaz Lectamo koordiniert den Menschenrechtsbereich von ACIN, der „Vereinigung Indigener Räte“ im Norden der Provinz Cauca. Seine Aufgabe sieht er als Mandat der indigenen Gemeinden: Mit seiner Arbeit trägt er dazu bei, das Leben und die Menschenrechte zu schützen, und zwar für 22 indigene Territorien, die Teil der ACIN sind.

Interview von Gerold Schmidt / Februar 2021

Vom 10. bis 21. Oktober 2020 fand der Marsch der indigenen Gemeinden, die sogenannte Minga Indígena, aus dem Cauca nach Bogotá statt. Was waren die Ziele des Marschs?

Wir wollten möglichst sichtbar sein, um die Bevölkerung zum Mitmachen bei Protesten und Fordern vonVeränderungen zu bewegen. In Kolumbien zeigen sich viele Rückschritte, was die Menschenrechte, das Recht auf Leben, die Umwelt, die Demokratie, die Justiz und den Frieden anbelangt. Die Minga wurde im Südwesten des Landes geboren und verbindet verschiedene soziale Prozesse: der Indígenas, der Studierenden, der Bauern und Bäurinnen, der Afrokolumbianer*innen. Zunächst haben wir eine gemeinsame Agenda mit anderen sozialen Gruppen entwickelt. Dann ging es darum, Präsident Iván Duque zu einem Treffen aufzufordern, um mit ihm zu debattieren. Das scheiterte. Daraufhin marschierten wir nach Bogotá. Auf dem Weg trafen wir viele weitere Bewegungen und einzelne Menschen. Der Marsch nach Bogotá verlief absolut geordnet, wir waren sehr gut organisiert. In allen Städten auf unserer Route fand ein symbolisches Gerichtsverfahren statt. Ein leerer Stuhl für Präsident Iván Duque war stets dabei. Der Marsch richtete sich aber an das ganze Land: Wir wollten die Themen auf den Tisch bringen, die für die sozialen Bewegungen der Minga wichtig sind. Unser Aufruf brachte viele Menschen auf die Beine. Schlusspunkt war der Nationalstreik am 21. Oktober 2020, auf dem die Minga stark, überzeugend und entschlossen auftrat. Ein weiterer Pluspunkt: Die Minga hat viele Anliegen aus den ländlichen Regionen thematisiert, die von Covid-19 betroffen sind. Jetzt besteht die Herausforderung darin, die Dynamik der Mobilisierung beizubehalten, auf die notwendigen Veränderungen im Land hinzuarbeiten, die Stimmen vom Land, die in den Städten kaum gehört werden, auf nationaler Ebene zusammenzuführen.

Warum lehnte der Präsident ein Treffen mit den Vertreter*innen der Minga ab? War das Angst oder Arroganz der Macht?

Als Duque Präsidentschaftskandidat war, geschah dasselbe, wenn ihn seine politischen Rivalen zur Debatte über das Land aufforderten. Offenbar ist es eine Frage der Persönlichkeit, er schafft es nicht, den Menschen und ihrer Kritik gegenüberzutreten. Glücklicherweise war für die Minga klar, dass an erster Stelle stand, das Land wachzurütteln, was die Mobilisierung erleichterte und für eine gewisse gesellschaftliche Dynamik sorgte. Die Arroganz der Regierung scheint aber institutionell verankert zu sein, weil sie sich weigert, viele soziale Sektoren überhaupt anzuhören, etwa marginalisierte Gruppen vom Land und aus den Städten, die ihre Rechte einfordern.

Ist die Gewalt heute schlimmer als in den Zeiten Präsident Uribes oder als 2016, beim Abschluss des Friedensabkommens? Wie ist die Situation in der Cauca-Region?

Das Friedensabkommen wurde als Ausweg aus dem Gewalt­zyklus gesehen. Etwa ein Jahr lang sorgte es für etwas Ruhe in den ländlichen Gebieten. Doch schon bald wurden die mächtigen Kräfte, die sich gegen das Friedensabkommen gewandt hatten, aktiv. Der Staat unternahm nichts zur Umsetzung des Abkommens. Auf dem Land bedeutete dies erneute Gewalt. Etwa 237 Morde an Führungspersönlichkeiten und Menschenrechtsverteidiger*innen waren die Folge. Allein dieses Jahr (2020) verzeichnen wir, den Erhebungen der Organisation INDEPAZ zufolge, 69 Massaker, die Zahl der Attentate steigt. Das sind enorme Rückschritte. Die Angriffe auf den Friedensprozess kamen von einem klar identifizierbaren politischen Sektor, der außerdem mit disqualifizierenden, unsinnigen Argumenten die Präsidentschaftswahlen gewonnen hat. Viele Prozesse wurden abgebrochen beziehungsweise absichtlich vor die Wand gefahren. Das führte vielerorts zu einem Vakuum, das sich zahlreiche gewalttätige Gruppierungen auf dem Land zunutze machten. Dort gab es zuvor einen starken bewaffneten Akteur, die FARC-Guerilla, die nach dem Friedensabkommen nicht mehr präsent war. Heute haben wir sechs oder sieben bewaffnete Akteure, ohne Struktur oder mit unklaren oder nicht vorhandenen Hierarchien. Ohne Befehlshaber, ohne Bildung, ohne Ausbildung. Sehr junge, absolut kriminell geprägte Leute. So ist die Situation im Norden des Cauca, was sich aber auch im Rest des Landes widerspiegelt.

Das Friedensabkommen sah die zivile Minenräumung vor. Im November vergangenen Jahres wurde sie suspendiert, im ersten Halbjahr 2020 endgültig aufgegeben. Das ist ein enormer Rückschritt. Die Gespräche zum Schutz der Menschenrechtsverteidiger*innen bekamen einen anderen Charakter: Soziale Organisationen, die einen realistischen Blick auf die Situation vor Ort hatten, werden faktisch nicht mehr einbezogen. Über die Substitution des Drogenanbaus wird kaum mehr gesprochen. All das hat der Kriminalität in die Hände gespielt. Viele Leute fühlen sich vom Staat verlassen, aber auch von den alten Guerillagruppen. Sie hätten die Bevölkerung verraten, einen Deal mit dem Staat gemacht. Die Folge: Die Leute bauen weiterhin Coca an, säen noch mehr Coca aus, halten Nähe zu den bewaffneten Gruppen. Oder sie sehen in den bewaffneten Gruppen die Rettung. Das hat die bewaffneten Gruppen vor Ort bestärkt, die sich gegenseitig nicht anerkennen, sondern umbringen. Die Gewalt hat in den vergangenen Jahren die indigenen Gemeinden, besonders ihre Bewegungen, heftig getroffen.

Sind die derzeitigen Morde gegen bestimmte Personen gerichtet?

Die Menschenrechtsverteidiger*innen und die sozialen Gruppen, die sie repräsentieren, versuchen sich in diesem Pano­rama der Gewalt zu behaupten. Die Alternative wäre, die Territorien zu verlassen. Doch daran denken die Gemeinden zuallerletzt. Die Methode, Gewalt anzufachen, um Menschen zu vertreiben, ist bekannt und bereits häufiger untersucht worden in Kolumbien. Gewalt ist eine Strategie, um Territorien zu plündern und sich ihrer zu bemächtigen. Viele dieser Territorien versuchen friedlich Widerstand zu leisten, was einige Menschen ihr Leben gekostet hat. Für diese systematischen Morde sind unterschiedliche Gruppen verantwortlich. Es gibt bestimmte Muster, Verhaltensweisen, Hinrichtungsformen, Gebiete mit höheren Mordzahlen. Diese Dynamik richtet sich gegen Menschenrechtsverteidiger*innen und Vertreter*innen der sozialen Organisationen auf dem Land, aber auch in den Großstädten.

Welche Strategien gibt es von Seiten der indigenen Organisationen? Kannst du uns die Rolle der indigenen Wachen, der Guardia Indígena, erklären?

In der Guardia Indígena kommt eine uralte Schutzfunktion der indigenen Gemeinden zum Ausdruck, kulturelle und gemeindebasierte Schutzdynamiken als Reaktion auf die Gewalt in den indigenen Territorien seit Anfang dieses Jahrhunderts. Die Guardia entstand 2001. Damals mordeten und massakrierten im Nord-Cauca die Paramilitärs, die sogenannten Selbstverteidigungsgruppen. Von 2008 bis 2013 musste die Bevölkerung eine weitere Gewaltwelle ertragen aufgrund der Konfrontation zwischen der FARC-Guerilla und den staatlichen Sicherheitskräften. Nach dem Friedensabkommen kamen neue bewaffnete Akteure auf.

Die Guardia Indígena ist ein absolut friedlicher und ziviler Schutzmechanismus ohne Waffen, der die indigene Regierungsausübung unterstützt. Die symbolische Kraft des Kommandostabs steht dafür, er drückt das indigene Gemeinschaftsgefühl aus. Leider ist der Preis sehr hoch gewesen: Dutzende Wachen sind in den letzten Jahren von bewaffneten Akteuren ermordet worden, die sich revolutionär nannten, aber verbrecherisch handelten. Insofern macht sich die Guardia sehr angreifbar, aber ihre Stärke liegt in der enormen Legitimität, die sie bei zahlreichen Gemeinden genießt. Die Guardia vermeidet, Partei für eine der bewaffneten Gruppen zu ergreifen. Aber sie bittet sie eindringlich darum, die indigenen Territorien in Frieden zu lassen, was keine einfache Aufgabe ist. Es wurde versucht, die Guardia zu stigmatisieren und zu infiltrieren, was mehr oder weniger abgewandt werden konnte. Aber es gibt weiterhin die Versuche, und die Angriffe auf die Guardia Indígena gehen ebenfalls weiter.

Im Nord-Cauca hat die Guardia etwa 2300 Mitglieder. Trotz der schwierigen Lage können wir eine starke Schutzfunktion aufrecht erhalten, was auch international anerkannt worden ist. Das gibt uns mehr Sichtbarkeit und etwas Rückendeckung.

Sind nur Männer Teil der Guardia Indígena?

Von den Mitgliedern sind 1300 Frauen und etwa zehn Prozent Kinder. Junge Frauen und Männer machen 60 Prozent aus. Es gibt mehrere Ausbildungsverfahren, auch Schulen, die sich an Kinder und Jugendliche im Alter von fünf bis 16 Jahren richten. Die Erwachsenenschule beginnt je nach Territorium mit 14, 15 oder 16 Jahren. Die Schulen sind ein Referenzpunkt. Aber eine indigene Wache entscheidet selbst, wenn sie keine Weiterbildung mehr will. Wir haben sogar einen 83-jährigen Schüler.