Für das Leben und die Freiheit aller Lebewesen

Der Kampf um die Rückgewinnung des ihnen geraubten Landes war ein zentraler Motor für die Organisierung der indigenen Gemeinden im →Departement Cauca. Unter dem Motto der Befreiung von Mutter Erde gaben die → Nasa im Norden des Cauca diesem Kampf seit 205 einen neuen Impuls, der weit über die Wiedergewinnung von Land hinausgeht. Er richtet sich gegen die Versklavung der Natur, gegen die eigene Unfreiheit und steht für ein grundlegend anderes Verhältnis zur Natur. Für diesen Kampf müssen die Gemeinden jedoch einen hohen Preis zahlen.
von Dora Estella Muñoz Atillo / Dezember 2025
„Der Weg der →Pueblos Indígenas ist seit Beginn unserer Existenz vorgezeichnet. Wir sind mit Mutter Erde verbunden, ihr verdanken wir unser Dasein, und es ist unsere Pflicht und unsere gemeinsame Vereinbarung, sie zu schützen, wenn wir weiterbestehen und unsere Nachkommen erhalten wollen. Das ist der Weg, es gibt keinen anderen.“ (Erzählungen der →Mayores und Mayoras der Nasa. Tulpa CECIDIC Toribio, Februar 2015)
Für die Pueblos Indígenas und insbesondere für die Nasa im Cauca ist die Befreiung von Mutter Erde ein gemeinschaftliches, politisches und spirituelles Gebot, das aus dem historischen Kampf des →CRIC hervorgegangen ist. Dessen wichtigstes Ziel ist die Rückgewinnung des angestammten Landes, das den indigenen Gemeinden seit der Kolonialisierung durch Täuschung, Lügen, Unterdrückung und Gewalt entrissen worden ist. Die zentralen Motive für die Gründung des CRIC in den 70er-Jahren waren: das Land zurückzugewinnen und es den Gemeinden als rechtmäßigen Eigentümerinnen zurückzugeben, die Selbstverwaltungsgebiete zu erweitern, in die die Gemeinden gedrängt worden waren sowie die Nichtzahlung der Terraje durchzusetzen, einer Abgabe, die den Großgrundbesitzer*innen für die Nutzung des Landes in Form von Arbeit und Ernteabgabe gezahlt wurde.
Die Missachtung der Rechte der Pueblos Indígenas hat also eine lange Geschichte. Vertreibungen, Massaker und die Nichteinhaltung von mehr als 1200 Vereinbarungen mit verschiedenen Regierungen waren der Auslöser dafür, dass die Nasa-Gemeinden im Norden des Cauca 2005 die Rückgewinnung des Landes wieder aufnahmen, unter dem Motto: Befreiung von Mutter Erde.
„Mutter Erde zu befreien bedeutet – auf die Gefahr hin, unterdrückt und verfolgt zu werden – der Gier der Zuckerrohrmonokultur Einhalt zu gebieten, die ‚grüne Wüste‘ der Zuckerrohragroindustrie zu verkleinern, soziale und ökologische Bindungen durch gemeinschaftliche Kämpfe wiederherzustellen, die die Logik des Kapitals durchbrechen und auf andere Formen des kollektiven Lebens setzen.“ (1)
Aus Sicht der Rechtsprechung (mehr dazu) und der politischen Überzeugung der Pueblos Indígenas ist die Befreiung der Mutter Erde eine legale und legitime Handlung. Es handelt sich nicht um „Besetzung“ oder „Invasion“, wie es das Gesetz der Regierungen und der Gegner dieses Kampfes behauptet. „Befreien“ ist ein kollektives Recht, um das Fortbestehen der indigenen Gemeinden auf ihrem angestammten Land zu gewährleisten, das ihnen mit Gewalt und unter dem Schutz von Gesetzen zugunsten der Großgrundbesitzer*innen weggenommen wurde.
Unsere Mutter Erde ist ein lebendiges Wesen, sie ist unser gemeinsames Zuhause und das aller spirituellen und natürlichen Wesen (mehr dazu). Unsere Mutter wird jedoch versklavt und durch den übermäßigen Einsatz von Chemikalien für Monokulturen und die Produktion von Agrotreibstoffen als Nahrung für Autos vergiftet. Sie wird von Rohstoffunternehmen in Beschlag genommen, verschmutzt und ausgebeutet. Wir müssen sie befreien! Und wie befreien wir sie? Indem wir Zuckerrohr-, Kiefern- und Eukalyptusplantagen in einer gemeinschaftlichen →Minga fällen, um Nahrungsmittel anzubauen und ihr so ihre natürliche Funktion als Mutter zurückzugeben: Leben zu reproduzieren und ein Zuhause aller Lebewesen zu sein.

Die Freiheit von Mutter Erde kostet uns sogar das Leben
Die Befreiung von Mutter Erde wurde mit Unterdrückung, Verfolgung, Gerichtsverfahren und sogar dem Verlust von Menschenleben bezahlt. Die Befreier*innen haben sich heftigen Angriffen der Armee, der Bereitschaftspolizei und privater Sicherheitskräfte im Dienste der Zuckerfabrikant*innen entgegengestellt. Militäroperationen und Räumungen haben mehr als 200 Verletzte, verstümmelte Menschen und zehn Ermordete gefordert, darunter zwei indigene Journalist*innen. Durch die Räumungen werden die kurz vor der Ernte stehenden Felder zerstört, die behelfsmäßigen Hütten in Brand gesteckt, heilige Stätten zerstört und die Tiere der Familien gestohlen. Militärstützpunkte wurden auf den befreiten Anwesen oder in deren Nähe errichtet, um die Mingas zu unterdrücken. Die Befreier*innen werden überwacht, um sie zu verhaften und vor Gericht zu stellen. Über die Medien werden Rassismus und Hassbotschaften gegen die Befreier*innen von Mutter Erde verbreitet.
Ein weiterer Angriff auf die Befreier*innen und Mutter Erde ist die Besprühung mit dem Pflanzengift Glyphosat. Als Teil der juristischen Verfolgung wurden 20 Haftbefehle erlassen, zehn Genoss*innen wurden verhaftet und vor Gericht gestellt, darunter indigene Amtsträger*innen. Die Zuckerunternehmer*innen üben Druck auf die Landeigentümer*innen aus, damit sie die befreiten Grundstücke nicht verkaufen. Sie widersetzen sich der Erweiterung der Selbstverwaltungsgebiete und schüren Konflikte zwischen indigenen, afrokolumbianischen und anderen kleinbäuerlichen Gemeinden.
Der Kapitalismus will den ganzen Cauca rauben
Auf einem Viertel der Fläche des Cauca wird derzeit nach Öl gesucht, an der Küste des Cauca ist ein großer Hafen geplant, der wichtigste am Pazifik. Zwei große Straßen eines Infrastruktur-Megaprojekts sollen sich im Zentrum des Cauca treffen. Die Erzminenbetreiber haben Explorationsrechte in 25 Landkreisen des Departements, im Norden des Cauca liegen weitere 89 Explorationsanträge vor.
Die Nasa-Gemeinden im Norden des Cauca zählen rund 112 000 Einwohner*innen in etwa 24 000 Familien. Wir verfügen über rund 206 300 Hektar Land, von denen nur 18 Prozent (etwa 37 100 Hektar) für den Anbau von Nahrungsmitteln geeignet sind. Circa 250 000 Hektar flaches Land im Norden des Cauca sind mit Zuckerrohr bepflanzt, das zur Herstellung von Zucker und vor allem für Agrartreibstoff dient. Die Zuckerfabriken verbrauchen 25 Millionen Liter Wasser pro Sekunde, das aus Flüssen, Bächen und 2000 Tiefbrunnen entnommen wird – Wasser, das die indigenen Gemeinden in den Bergen schützen. „Das Land wächst nicht, die Familie aber schon“, sagen die Mayores der Nasa, deshalb muss man das Land befreien. Unter Berücksichtigung dessen, was bereits befreit wurde, und der Nasa, die noch geboren werden, werden etwa 313 500 Hektar benötigt, um das Leben zu erhalten, und damit Menschen, Tiere, Pflanzen, Mikroorganismen und Geister gut zusammenleben können.
Während der Präsidentschaft von Gustavo Petro wurden neue Vereinbarungen getroffen, wodurch die militärischen Angriffe und Vertreibungen an den Orten der Befreiung verringert wurden. Die bereits befreiten Flächen im Besitz der Gemeinden umfassen rund 7600 Hektar. In den Jahren 2024 und 2025 hat die staatliche Landbehörde ANT im Norden des Cauca rund 1300 Hektar Land an Befreiungsprozesse übergeben. Dies sind für die Befreier*innen wichtige praktische Fortschritte mit der Regierung Petro, denn sie garantieren Grundrechte und Frieden in den Gebieten. Das wird als ein guter Anfang gesehen, um die Kämpfe der Nasa und der anderen Pueblos im Cauca für die Rückgewinnung des Landes, das ihnen gehört, zu ihrem Ziel zu führen.
„Solange wir Nasa bleiben, also Kinder von Mutter Erde, ist es unsere Pflicht, uns um dieses große Haus zu kümmern und es zu schützen. Wenn unsere Mutter nicht frei ist, sind auch wir, ihre Kinder, nicht frei. Alle Menschen sind Sklav*innen, zusammen mit allen anderen Lebewesen, solange wir es nicht schaffen, dass unsere Mutter ihre Freiheit zurückerlangt.“ (2)
→ Begriffe mit einem Pfeil werden im Glossar erklärt.
Anmerkungen:
(1) und (2) Das Wort des Prozesses zur Befreiung von Mutter Erde/Palabra de la Liberación de la Madre Tierra (PLMT), 2016.
Dora Estella Muñoz Atillo, →Nasa aus dem Territorio von Corinto/Cauca. Indigene Medienfachfrau und Journalistin, die in verschiedenen Gemeinden und Organisationsprozessen mitwirkt, sichtbar macht, anprangert, erinnert und durch Medienarbeit die Kämpfe ihres →Pueblo für den Schutz des Lebens und die Verteidigung des Territorio fördert.
Übersetzung: Jochen Schüller
Dieser Artikel ist Teil der Broschüre „Land, Kultur und Autonomie – Die indigene Bewegung des Cauca (Kolumbien), Band 2“, die im Dezember 2025 gemeinsam von Transgalaxia e.V. und der Zeitschrift ila veröffentlicht wurde. Sie kann beim Kaffeekollektiv Aroma Zapatista und bei der kollektiven Kaffeerösterei la gota negra bezogen werden.
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