Große Herausforderungen, großer Widerstand

Die kolumbianische Realität und der Cauca als ihr Spiegelbild

In der Primera Linea („ersten Reihe“) schützten junge Menschen die Demonstrationen während der Proteste 2021 gegen die Gewalt von Polizei und Militär, hier in Cali im August. Foto: Enrique Ramirez.

Das Kolumbien der letzten Jahre ist geprägt von Extremen. Dem Friedensvertrag von 2016 folgte die Ernüchterung. Die Gewalt endete nicht, stattdessen konfigurierte sich der Konflikt neu. Die riesige soziale Ungleichheit, die durch die Covid-Pandemie noch verstärkt wurde, und fehlende politische Teilhabe großer Bevölkerungsgruppen führten zu breiten Protesten. Sie trugen die erste linke Regierung in der Geschichte des Landes ins Amt. Deren Programm versprach grundlegende Reformen und weckte große Hoffnungen. Zum Ende ihrer Regierungszeit steht allerdings eine gemischte Bilanz und eine weitere Zunahme der Gewalt. Und im →Departement Cauca zeigen sich im Kleinen all diese Extreme wie unter einem Brennglas.

von Ani Dießelmann

Mit der Unterzeichnung des Friedensvertrags zwischen der kolumbianischen Regierung und der →FARC-Guerilla im Jahr 2016 verband sich die Hoffnung auf ein Ende des jahrzehntelangen bewaffneten Konflikts. International wurde das Abkommen als historischer Fortschritt gewürdigt. Gleichwohl war die FARC nie alleiniger Akteur der Gewalt. Paramilitärische Strukturen, Drogenkartelle und andere →bewaffnete Gruppen hatten maßgeblichen Anteil an den Konfliktdynamiken. Das Abkommen bedeutete daher weniger ein Ende des Krieges, sondern vielmehr eine Neukonfiguration des bewaffneten Szenarios.

Die Umsetzung des Friedensvertrags erwies sich als äußerst schwierig und stark abhängig vom politischen Willen der jeweiligen Regierung. Unter Präsident Iván Duque (2018–2022) kam es zu erheblichen Verzögerungen. Zentrale Punkte wie die Landreform, die politische Beteiligung ehemaliger Guerilla-Mitglieder oder umfassende Programme zur ländlichen Entwicklung wurden nur partiell und halbherzig realisiert. Die Folgen sind bis heute sichtbar: Zahlreiche ehemalige Kämpfer*innen sowie soziale und Gemeinde-Aktivist*innen wurden ermordet. In mehreren Regionen entstanden →FARC-Dissidenzen, die erneut zu den Waffen griffen. Diese Gruppen kollaborieren teilweise mit paramilitärischen Strukturen und Drogenbanden. Parallel dazu blieb die ELN-Guerilla (1) bewaffnet. Jüngste Friedensgespräche mit ihr liegen auf Eis.

Inmitten dieser politischen Stagnation kam es seit 2019 zu einer Welle sozialer Proteste. Studierende, Gewerkschaften und soziale Bewegungen demonstrierten gegen Korruption, Arbeitslosigkeit und die Politik der Regierung. Auch die indigene Bewegung im Cauca, organisiert im Indigenen Regionalrat des Cauca (→CRIC) beteiligte sich aktiv und organisierte Proteste. Im Frühjahr 2019 blockierte eine indigene →Minga über Wochen die Panamericana-Schnellstraße, die zentrale Verkehrsachse der Region. Gefordert wurden die Umsetzung nicht erfüllter Abkommen, insbesondere im Hinblick auf Landverteilung, Investitionen und Schutz vor Gewalt.

Die Covid-19-Pandemie unterbrach diese Mobilisierungs­welle zunächst. Sie traf Kolumbien hart. Die Armut stieg rapide. Viele Familien der Mittelschicht verarmten. Existenzielle Unsicherheit prägte den Alltag. Gleichzeitig entstanden neue Formen der Solidarität. Rote Lappen an Fenstern signalisierten, dass in einem Haushalt seit Tagen keine Nahrungsmittel vorhanden waren. Nachbarschaften organisierten kollektive Küchen und verteilten Lebensmittel.

Im Cauca machte die Pandemie die prekäre Gesundheits­versorgung besonders sichtbar. Viele länd­liche Gemein­den verfügen lediglich über kleine Ambu­lanzen. Größere Krankenhäuser gibt es nur in Popayán, der Haupt­­stadt des Departements, und in der nördlich des Cauca gelegenen Metropole Cali. In ländlichen Gebieten fehlten Beatmungsgeräte, Sauerstoff und medizinisches Fachpersonal. Die im CRIC organisierten indigenen Gemeinden ergriffen früh autonome Maßnahmen: Zugangs­kontrollen, Quarantäneregeln, Mobilitäts­beschränkungen sowie traditionelle Heilmethoden. Diese Selbst­schutzmaßnahmen wurden landesweit als Beispiel kollektiver Selbstorganisation gewürdigt. Im Jahr 2021 entlud sich dann der gesellschaftliche Unmut erneut in massiven Protesten. Auslöser war eine geplante Steuerreform, die vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten durch steigende Preise für Grundnahrungsmittel belastet hätte. Symbolisch leiteten hunderte Misak (2) den Aufstand mit dem Sturz der Statuen von Sebastián de Belalcázar in Cali und Popayán ein. Die Denkmäler ehrten den Heerführer der europäischen Invasion als Gründer der beiden Städte. Ein von den Misak-Gemeinden durchgeführtes Gerichtsverfahren kam hingegen zu dem Schluss: „Belalcázar war nicht unser Begründer. Er hat uns massakriert, vertrieben und versklavt. Er symbolisiert weder die Stadt noch das Leben.“ Die Bilder der stürzenden Statuen gingen viral und inspirierten weitere Stürze in anderen Städten. Für viele Jugendliche und marginalisierte Gruppen war dies ein Moment kollektiver Befreiung. So stärkten und vereinten die Aktionen der indigenen Gemeinden den landesweiten Protest, gaben ihm außerdem eine antikoloniale Stoßrichtung.

Es entwickelte sich eine der größten Protestwellen in der jüngeren kolumbianischen Geschichte. Millionen Menschen beteiligten sich über zwei Monate hinweg an Streiks, Märschen und kulturellen Aktionen. Besonders die Jugend sowie indigene und afrokolumbianische Bewegungen prägten das Bild. In Cali, dem Zentrum des Protests, kam der Verkehr zum Stillstand, Straßen waren von Barrikaden blockiert, Mautstationen zerstört. Aus dem Cauca reisten indigene Delegationen in Bussen an, um die Proteste zu schützen, Protestcamps zu organisieren und die Versorgung mit Lebensmitteln sicherzustellen (siehe Infokasten).

Die staatliche Antwort bestand in harter Repression: Hunderte Menschen wurden verletzt oder getötet, Tausende festgenommen. Dennoch erreichte der Protest die Rücknahme der Steuer- und Gesundheitsreform. Mehrere Regierungsmitglieder traten zurück. Außerdem verdeutlichte er, dass ein wachsender Teil der Bevölkerung nicht länger bereit war, soziale Ungleichheit und politische Ausgrenzung hinzunehmen.

Politischer Wendepunkt und gemischte Bilanz: Petro und Márquez

Die Protestwelle mündete in einen politischen Umbruch. Die Wahl von Gustavo Petro und Francia Márquez zu Präsident und Vize-Präsidentin im August 2022 markierte einen Bruch mit der bisherigen politischen Tradition. Erstmals übernahm eine linke Regierung die Führung des Landes. Petro, ehemaliges Mitglied der M-19-Guerilla (3), trat mit dem Versprechen an, den Friedensprozess neu zu beleben und tiefgreifende soziale Reformen einzuleiten. Besonders die Wahl von Francia Márquez, afrokolumbianische Umwelt- und Menschenrechtsaktivistin aus dem Norden des Cauca, brachte neue Perspektiven sowie die Stimmen marginalisierter Bevölkerungsgruppen in die Regierung.

Das Regierungsprogramm setzte auf eine Politik des „umfassenden Friedens“. Ziel war es, mit der ELN, den FARC-Dissidenzen und weiteren bewaffneten Gruppen Verhandlungen aufzunehmen, während gleichzeitig die soziale Basis des Friedens durch bessere Gesundheitsversorgung, Bildungsreformen und eine Agrarpolitik zugunsten ländlicher Gemeinden gestärkt werden sollte.

Doch viele Vorhaben stießen auf Widerstand im Parlament, das von rechten Parteien dominiert ist, in der Justiz und bei den wirtschaftlichen Eliten. Auch bewaffnete Gruppen nutzten die Spielräume durch die Waffenstillstände für ihre eigenen Interessen. Nach drei Jahren Jahren fällt die Bilanz gemischt aus. Es gibt Fortschritte in einzelnen Verhandlungen, doch zugleich anhaltende Unsicherheit und Gewalt.

Im Vorlauf der Präsidentschaftswahlen im Jahr 2026 spitzt sich die Lage nun zu: Bombenattentate in Großstädten wie Cali, bewaffnete Auseinandersetzungen, Morde, wie der am konservativen Senator Miguel Uribe Turbay. Diese Anschläge wirken destabilisierend und spielen der Rechten in die Hände. Schließlich schüren die Gewalttaten Angst und werden dazu genutzt, das Ansehen der Regierung zu schwächen.

Für die indigene Bewegung des Cauca, die seit Jahrzehnten eine zentrale Rolle im politischen und gesellschaftlichen Leben Kolumbiens spielt, sind all diese Entwicklungen von großer Bedeutung. Das Departement ist aufgrund seiner strategischen Lage als Verbindungskorridor zwischen den Anden, einer bedeutenden Anbauregion für Kokapflanzen, und der Pazifikküste, einem zentralen Umschlagplatz des Drogenhandels, besonders stark von der Gewalt bewaffneter Gruppen, der Drogenökonomie und massiver Militärpräsenz betroffen. Zugleich verfügen die indigenen Gemeinden über historisch gewachsene Strukturen zur Verteidigung ihrer Autonomie. Der Cauca kann als Spiegelbild der kolumbianischen Realität verstanden werden: Er ist ein Ort großer Herausforderungen, aber auch ein Zentrum des Widerstands.


→ Begriffe mit einem Pfeil werden im Glossar erklärt.

Anmerkungen:

1) Ejército de Liberación Nacional, dt.: Armee der Nationalen Befreiung; 1965 gegründet und weiterhin in verschiedenen Teilen des Land aktiv. Die indigenen Gemeinden des Cauca kritisieren, dass die ELN in der Region eng mit der Drogenwirtschaft verbunden ist und gegen die Gemeinden vorgeht.

2) →Pueblo Indígena des Cauca; die Misak-Gemeinden verließen wegen inhaltlicher Differenzen Anfang der 1980er-Jahre den CRIC und gründeten eine eigene Organisation, die AISO (Indigene Amtsträger*innen des Süd-Westens).

3) Während ihrer aktiven Zeit (1974-1990) die zweitgrößte Guerilla-Organisation in Kolumbien. Nach der Demobilisierung transformierte sie sich in eine politische Partei.


Ani Dießelmann ist Philosophin, lebt in Cali und arbeitet in einem Forschungsinstitut zu urbaner Gewalt und Friedensinitiativen.


Dieser Artikel ist Teil der Broschüre „Land, Kultur und Autonomie – Die indigene Bewegung des Cauca (Kolumbien), Band 2“, die im Dezember 2025 gemeinsam von Transgalaxia e.V. und der Zeitschrift ila veröffentlicht wurde. Sie kann beim Kaffeekollektiv Aroma Zapatista und bei der kollektiven Kaffeerösterei la gota negra bezogen werden.


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