Der Aufbau einer selbstbestimmten, gemeindebasierten Wirtschaft

Neben der Rückgewinnung und Vergesellschaftung von Land stärken die indigenen Gemeinden des →Departements Cauca seit vielen Jahren gemeindebasierte Wirtschaftsstrukturen. Nun hat der →CRIC beschlossen, in den kommenden 50 Jahren den Fokus seiner Anstrengungen auf die Stärkung einer selbstbestimmten Wirtschaft zu legen. Damit sollen Auswege für zwei zentrale Probleme der Gemeinden geschaffen werden: die stark benachteiligte Position innerhalb kolonial-kapitalistischer Strukturen und die Ausbreitung von Drogenwirtschaft und →bewaffneten Gruppen.
von Martin Mäusezahl und Eliseth Libertad Peña Quistial / Dezember 2025
Auf dem zentralen Platz des Selbstverwaltungsgebietes von Poblazón wuseln rund 500 Menschen umher und tauschen Lebensmittel. Hier findet heute ein Trueque statt. Dabei tauschen Kleinbäuer*innen verschiedener Klimazonen ihre Erzeugnisse direkt untereinander und ohne Geld. Was wie getauscht wird, ist nicht festgelegt. „Der Tausch muss von beiden Seiten als gerecht empfunden werden“, erklärt Jaime Camacho, Organisator des Trueque.
Vor rund 20 Jahren belebten die indigenen Gemeinden des Cauca diese Tradition neu. Der Trueque ist dabei viel mehr als ein reiner Tauschhandel. Er ist ein „Austausch von Worten, Gedanken und Produkten, bei dem die Gemeinschaft im Zentrum steht“, sagt Olga Gurrute, die Gouverneurin von Poblazón, zur Eröffnung. Kommunale Radios und Videokollektive berichten. Bands spielen, Schüler*innen haben das Theaterstück „Geschichte des Trueque“ vorbereitet. Es gibt einen Stand des eigenen Gesundheitsprogramms. Viele indigene Amtsträger*innen sind anwesend. Durch den Trueque werde die Nahrungsmittelsouveränität der Gemeinden gestärkt, sagt Vizegouverneurin Sandra Calambas. „Außerdem machen wir uns unabhängiger von der Macht des Zwischenhandels und der großen Unternehmen.“

Land – aber zu wenig
Land(wirtschaft) ist die zentrale ökonomische Grundlage der indigenen, kleinbäuerlichen Gemeinden im Cauca. Ab den späten 1960ern begannen viele indigene Gemeinden, sich zu organisieren und gemeinsam Land zurückzugewinnen, das ihnen von Großgrundbesitzer*innen gewaltsam genommen worden war. Dies führte dazu, dass bestehende →Resguardos gestärkt und ausgeweitet wurden. Viele weitere Selbstverwaltungsgebiete entstanden neu. In der Verfassung von 1991 wurde ihr Land schließlich als unveräußerliches kollektives Eigentum der Gemeinden festgeschrieben. Sie vergeben Parzellen zur kostenlosen Nutzung an jede Familie. „Für uns ist zentral, dass das Land als unser Produktionsmittel vor allem eine gesellschaftliche Funktion erfüllt“, sagt Fabio Avirama, Mitarbeiter der politischen Abteilung des CRIC. „Es ist ein zentraler Baustein unserer nachhaltigen, selbstversorgenden und selbstbestimmten Entwicklung.“
Trotz der Erfolge steht den indigenen Gemeinden weiterhin viel zu wenig Land zur Verfügung. Ein Großteil der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen im Cauca gehört wenigen reichen Familien, die dort industriell Zuckerrohr anbauen. Seit Jahren befreien daher Menschen aus den indigenen Gemeinden die Zuckerrohrfelder und bauen Lebensmittel für den Eigenbedarf an, treffen dabei aber auf starke staatliche Repression.
Zu niedrige Preise und die Drogenwirtschaft
Ein weiteres Problem der indigenen Gemeinden ist, dass sie für ihre Erzeugnisse meist nur sehr wenig Geld erhalten. „Wir haben jetzt zwar Land, aber nun sind wir die Leibeigenen der Händler. Der Markt beutet uns aus. So kommen wir nie aus der wirtschaftlichen Not heraus“, berichtet der Kleinbauer Jesús Peña, der hoch in der Anden-Zentralkordillere mit seiner Familie Kartoffeln anbaut sowie Milch- und Viehwirtschaft betreibt. Diese Abhängigkeit vom Markt spüren auch die Kaffeeproduzent*innen im Selbstverwaltungsgebiet Chimborazo in der Westkordillere. Auf einer Finca haben sie sich zu einer agrartechnischen Schulung versammelt. „Der Kaffeeanbau ist sehr harte Arbeit und was wir für den Anbau benötigen, wird immer teurer. Aber die Händler zahlen uns sehr wenig für unsere Ernte. Manchmal reicht es so gerade, nicht selten liegt der Preis unter unseren Produktionskosten“, berichtet Abraham Guacheta, einer der Anwesenden.
Aufgrund der viel zu niedrigen Preise für alle anderen landwirtschaftlichen Erzeugnisse versuchen immer mehr kleinbäuerliche Familien über die Runden zu kommen, indem sie Pflanzen anbauen, die zu illegalen Drogen weiterverarbeitet werden können. Hier sind die Preise besser und es gibt etablierte Vertriebswege. Was für Einzelne eine Überlebensstrategie darstellt, führt in den Gemeinden jedoch zur Präsenz bewaffneter Gruppen, zu sozialen Problemen und Gewalt. Aktuell sucht die indigene Bewegung nach einem Ausweg aus dieser Falle.
Stärkung einer selbstbestimmten Wirtschaft
„Die Gemeinden haben festgestellt, dass sie in den letzten 50 Jahren im Hinblick auf Land, Rechte und Politik viel erreicht haben. Nun haben sie beschlossen, in den kommenden 50 Jahren den Fokus auf die Wirtschaft zu legen“, sagt Jhoey Sauca, Mitglied des Obersten Rates des CRIC. Ziel sei Ausbau und Stärkung einer selbstbestimmten, gemeindebasierten Wirtschaft. Damit wolle man drei zentralen Problemen begegnen: Alternativen für die Familien bieten, die Pflanzen für den Drogenhandel anbauen; in den Gemeinden wirtschaftliche Möglichkeiten für die Jugend schaffen, sodass sie nicht in die Städte, zu den bewaffneten Gruppen oder auf die Koka- und Marihuana-Plantagen gehen; die Abhängigkeit der Selbstverwaltungen und des CRIC von staatlichen Geldern verringern, die ihnen zwar rechtlich zustünden, bei denen die jeweilige Regierung und die staatliche Logik aber weiterhin viel Einfluss hätten. „Eine echte Autonomie gibt es nur, wenn die Wirtschaft der Gemeinden die Selbstverwaltung trägt“, stellt Sauca fest. Daher fokussiere sich der CRIC nun auf die Förderung eigener Wirtschaftsorganisationen wie Kooperativen, weiterverarbeitende Betriebe und Vertriebsstrukturen.
Gemeinsam stärker
Bei den Produzent*innenkooperativen gibt es bereits langjährige Erfahrungen und Strukturen. „Durch den solidarischen Zusammenschluss“, so die Kaffeebäuerin Dilma Velazco, die in der Kooperative CENCOIC organisiert ist, „haben wir Dinge erreicht, die wir uns alleine nie erträumt hätten.“
Die Idee, gemeinsam stärker zu sein und mehr möglich zu machen, verfolgt auch der Fondo Rotatorio, eine Spar- und Kreditkasse im Selbstverwaltungsgebiet Tacueyó. „Für indigene Kleinbäuer*innen ist es sehr schwer, überhaupt an Kredite zu kommen. Und wenn, dann sind die Zinsen enorm hoch“, berichtet Addier Pilcue, Koordinator des Fonds. Die von der Selbstverwaltung ins Leben gerufene Kasse vergibt Kredite an Bewohner*innen des Selbstverwaltungsgebietes. Das Geld kommt aus den Spareinlagen von rund 2000 Gemeindemitgliedern. Während dafür recht hohe Sparzinsen gezahlt werden, liegen die Kreditzinsen bei unter einem Prozent. Pfändungen gibt es nicht. Sollte es mal Probleme bei der Rückzahlung geben, werde gemeinsam nach einer Lösung gesucht, so Pilcue.
Beim Gemeindeunternehmen Truchas Juan Tama in Tacueyó arbeiten 45 Mitarbeiter*innen in der Zucht und Weiterverarbeitung von Forellen. Wie alle Gemeindeunternehmen ist es Eigentum der Gemeinde und wird von der Selbstverwaltung kontrolliert, an die auch etwaige Überschüsse gehen. „Das Unternehmen ist wirtschaftlich rentabel“, sagt Ana Berta Finscue, Koordinatorin der Weiterverarbeitungsanlage. „Es geht aber nicht vorrangig um den wirtschaftlichen Erfolg. Wichtig sind die gesellschaftlichen Effekte. Wir wollen möglichst viele Arbeitsstellen schaffen.“ Wie vielen Betrieben in den indigenen Selbstverwaltungsgebieten geht es ihnen auch darum, eine Alternative zur Attraktivität von bewaffneten Gruppen und der Drogenwirtschaft zu schaffen.
Perspektiven und Empowerment
„Am Anfang waren wir 30 junge Menschen zwischen 15 und 18 Jahren. Und die Grundidee von Juan Tama bleibt, jungen Menschen eine Perspektive zu schaffen“, erklärt Ana Berta. „Sie sind am anfälligsten für die wirtschaftlichen Verlockungen der Drogenwirtschaft und der Banden. Sie haben oft kaum eine andere Perspektive, denn es gibt zu wenig Land und auch keine anderen Verdienstmöglichkeiten.“ Einige der jungen Menschen, die hier arbeiten, waren vorher bei bewaffneten Gruppen. „Die Arbeit bei uns gibt ihnen eine Chance, wieder in die Gemeinde zurückzukehren“, so Ana Berta.
Auch viele Frauen arbeiten im Betrieb. „Man sieht heute, dass sich etwas verändert hat. Vorher hatte man als Frau Angst davor, eine Stelle oder gar die Leitung in einem Unternehmen zu übernehmen. Es war klar: Das können nur Männer machen“, stellt Ana Berta fest. „Früher haben wir Frauen auch schon einen wichtigen Beitrag geleistet. Jetzt tragen wir auch die formelle Verantwortung. Dadurch lernen wir, das macht uns stark.“ Gleiches gelte auch für die Bewegung insgesamt: „Juan Tama zeigt: Wir als indigene Bewegung können unsere eigenen Betriebe aufbauen, wir können uns selbst Arbeitsplätze schaffen, unsere eigenen Lösungen finden – trotz der Marginalisierung und des bewaffneten Konflikts. Wir sind Träumer*innen, die glauben, dass wir so noch viel größere Sachen schaffen können.“
Weiterverarbeitung und Handel in die eigene Hand nehmen
In vielen Selbstverwaltungsgebieten gibt es ähnliche Gemeindeunternehmen: Kwe’sx Arroz produziert Reis, Jugos Fxize stellt Wasser und Fruchtsäfte her. Die Zutaten kommen aus den Selbstverwaltungsgebieten. So auch beim Milchwarenbetrieb Nasalac, der entstand, um die Weiterverarbeitung der eigenen Rohprodukte selbst in die Hand zu nehmen. „Der dadurch erzeugte Mehrwert soll in unseren Gemeinden bleiben und für unsere Gemeindeprozesse eingesetzt werden, statt bei den großen weiterverarbeitenden Unternehmen zu landen“, erklärt Nora Taquinas, Mitglied des Selbstverwaltungsrates von Tacueyó. „Wir wollen davon wegkommen, nur Primärproduzent*innen und Konsument*innen zu sein, denn so werden wir vom Kapitalismus in die Mangel genommen. Die großen Unternehmen zahlen uns niedrige Preise und verkaufen uns ihre überteuerten und schlechten Produkte.“
Die Produkte von Nasalac sind heute in den Selbstverwaltungsgebieten im Norden des Cauca weit verbreitet. Die Vermarktung außerhalb der eigenen Strukturen fällt allerdings allen Gemeindeunternehmen schwer. Viele schaffen es auch nicht, in den eigenen Strukturen größere Verbreitung zu finden. Gründe dafür sind zu geringe Produktionsmengen, fehlende Handelsstrukturen, gesetzliche Bestimmungen, die große Unternehmen begünstigen, sowie die Monopolisierung des Marktes durch billige Industrieprodukte.
Pläne und internationaler Trueque
Nun könnte zielführend sein, dass auch der CRIC beim Aufbau weiterverarbeitender Betriebe und einer eigenen Handels- und Vertriebsstruktur aktiv wird. „Aktuell planen wir auf einem 25 Hektar großen Grundstück eine indigene Sonderwirtschaftszone“, sagt Jaime Juspian, Mitglied des Obersten Rates des CRIC und zuständig für den Bereich Wirtschaft und Umwelt. „Es soll ein Industriegebiet mit eigenen Weiterverarbeitungsbetrieben für Kaffee, Weizen, Panela, Milch und so weiter entstehen, das unter politischer und juristischer Hoheit der indigenen Selbstverwaltungsstrukturen steht und innerhalb von Kolumbien mit wirtschaftlichen Sonderrechten ausgestattet ist.“ Alle Betriebe sollen Teil der 2021 vom CRIC gegründeten Kooperative Buen Vivir (Gutes Leben) werden, die deren Produkte dann in den Selbstverwaltungsgebieten, in ganz Kolumbien und international vermarktet.
Unter dem Dach von Buen Vivir wurde zudem eine indigene Reiseagentur gegründet, mit der der CRIC eine eigene, kommunitäre Tourismusbranche aufbauen möchte. „Das soll kein Massentourismus und keine neue Form von Extraktivismus (1) sein“, sagt Ratsmitglied Juspian. „Dieser Tourismus soll den Fokus auf den Erhalt der Natur und das Wohlergehen der gesamten Gemeinde haben. Begleitet wird er etwa von der →Guardia Indígena und von →Mayores Espirituales. Produkte aus unserer Wirtschaft werden konsumiert und die Einnahmen gehen an die gesamte Gemeinde.“ Man habe auch erkannt, dass Tourismus oft die lokale Kultur aushöhle. Daher werden keine Veranstaltungen für Tourist*innen gemacht, vielmehr können sie an ohnehin stattfindenden Veranstaltungen der Gemeinde teilnehmen. Damit soll verhindert werden, dass kulturelle Praktiken zu kommerziellen Events werden und ihren eigentlichen Zweck für die Gemeinden verlieren.
„Es bleibt noch viel zu tun“, sagt Ratsmitglied Sauca, „aber wir packen es an. Und ihr könnt uns unterstützen. Wir möchten auch einen internationalen Trueque aufbauen, einen solidarischen Handel mit Organisationen aus anderen Ländern, der das gute Leben für alle – hier wie dort – ermöglicht.“

→ Begriffe mit einem Pfeil werden im Glossar erklärt.
Anmerkungen:
(1) Auf modernen, europäischen Denkweisen basierende Ausbeutung von Natur und Menschen zum Vorteil von wenigen, oft in anderen Teilen der Welt; grundlegende Funktionsweise kapitalistischer Wirtschaft; steht im Gegensatz zu indigenen Weltsichten, die auf Verbundenheit, Gegenseitigkeit und Gleichgewicht basieren.
Martin Mäusezahl ist Teil des Kaffeekollektivs Aroma Zapatista und hat für das Kollektiv 2025 die indigenen Gemeinden des Cauca erneut besucht.
Eliseth Libertad Peña Quistial ist →Nasa des →Cabildo Wejxia Kiwe Quintín Lame sowie Kommunikationswissenschaftlerin, Journalistin, Dokumentarfilmerin und Archivmitarbeiterin in der Stiftung Fundación Sol y Tierra.
Dieser Artikel ist Teil der Broschüre „Land, Kultur und Autonomie – Die indigene Bewegung des Cauca (Kolumbien), Band 2“, die im Dezember 2025 gemeinsam von Transgalaxia e.V. und der Zeitschrift ila veröffentlicht wurde. Sie kann beim Kaffeekollektiv Aroma Zapatista und bei der kollektiven Kaffeerösterei la gota negra bezogen werden.
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