Mit den Strategien des Lebens gegen den Plan des Todes

Die Situation und die Kämpfe der indigenen Gemeinden im Cauca

Ritual beim 4. Kongress der ACIN (3), Mai 2025, López Adentro. Foto: Cesar Galarza.

Die indigenen Gemeinden im →Departement Cauca sind heute mit verschiedenen Konflikten und Herausforderungen konfrontiert: eine neue Invasion durch →bewaffnete Gruppen, wirtschaftliche Ausbeutung, Drogenwirtschaft, Zwangsrekrutierung von Jugendlichen, Morde an denen, die sich für die Gemeinde einsetzen. Der Artikel analysiert die aktuelle Situation aus Sicht der Gemeinden und stellt ihre Gegenstrategien vor.

von Dora Estella Muñoz Atillo / Dezember 2025

Unser Kampf als organisierte indigene Gemeinden des Cauca war schon immer gegen die sogenannte Conquista gerichtet, also gegen die Invasion und Kolonisierung. Diese sind noch nicht vorbei und wir erleben sie permanent. Die Art und Weise, wie wir kolonialisiert werden, hat sich dabei stetig verändert. Heute gibt es andere Formen und Strategien.

Um unsere Position genauer zu erklären, sprechen wir vom →Plan de Vida, dem Plan des Lebens, im Gegensatz zum Plan des Todes, der uns schon immer unsere Gebiete rauben wollte, dem es um die Frage geht: Wer kontrolliert das Gebiet, wer beutet es aus?

Wir gehen von einer anderen Lebensweise und einem anderen Denken aus. Für uns ging es dabei schon immer um das →Territorio als dem großen Haus, als der Mutter, die man pflegen und verteidigen muss. Die Pläne des Lebens werden aus den Gemeinden heraus entwickelt. Sie bedeuten die Pflege des Lebens sowie im Gleichgewicht mit dem Territorio zu leben. Das Land ist dabei nichts, was einer einzelnen Person gehören kann. Es ist ein Gemeingut. Dem Plan des Todes hingegen geht es um die Kontrolle und Ausbeutung der natürlichen Ressourcen. Heutzutage wird das häufig als Entwicklung bezeichnet, für uns aber bedeutet es meistens Enteignung und Plünderung. Genau hier prallen diese beiden Denkweisen aufeinander, unser Plan des Lebens und der Plan des Todes.

Bewaffnete Gruppen breiten sich aus

Derzeit findet im Cauca eine Besetzung statt und ein Streit darum, wer die Kontrolle über Gebiete hat, wer die Macht zur Ausbeutung besitzt – aber nicht nur die Macht über das Land, sondern auch über die Gemeinden. Und wer lebt in diesen Gebieten? Die indigenen, die afrokolumbianischen und die anderen kleinbäuerlichen Gemeinden, die das Land brauchen, weil es ihre Lebensgrundlage ist.

Die meisten von uns setzten seit vielen Jahren auf Frieden. Wir hatten die Hoffnung, dass das 2016 mit der →FARC-Guerilla geschlossene Friedensabkommen positive Ergebnisse bringen würde, vor allem in den Gegenden, in denen es so viel Gewalt gegeben hat. Doch das war nicht der Fall.

Paradoxerweise hat sich nach dem Friedensabkommen die Präsenz bewaffneter Gruppen im Norden des Cauca verstärkt. Ein Teil der FARC demobilisierte sich, gab seine Waffen ab und hielt sich an das Friedensabkommen. Doch das Abkommen scheiterte, weil die von der Regierung gegebenen Versprechen nicht vollständig eingehalten wurden. Viele der ehemaligen Kämpfer*innen griffen daraufhin erneut zu den Waffen. So entstanden die →FARC-Dissidenzen. Andere bewaffnete Gruppen drangen in die Gebiete vor, die zuvor von der FARC besetzt waren. Im Norden des Cauca sind das die ELN-Guerilla, die Pelusos, die Nueva Marquetalia und die paramilitärischen Gruppen (1), die sich nie demobilisiert haben. Nach dem Friedensabkommen sahen wir überall im Gebiet Spuren bewaffneter Gruppen, darunter auch Drogenbanden. Der Anbau von Pflanzen zur illegalen Nutzung in den indigenen Gebieten nahm zu und wurde unkontrollierbar.

Das Weben von Hüten und Taschen aus Sisal ist ein verbreitetes Kunsthandwerk in den indigenen Gemeinden des Cauca. Foto: Cesar Galarza.

Koka und der Anbau für die Drogenwirtschaft

Für die indigenen Gemeinden ist die Kokapflanze heilig und wurde schon immer in Ritualen verwendet. Aber aus diesem anderen Denken heraus wird heute das Kokablatt zu Kokain verarbeitet und bringt viel Geld ein. Das führt zu einer hohen Präsenz legaler und illegaler bewaffneter Gruppen. Sie bringen die Territorios aus dem Gleichgewicht, da es immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen ihnen kommt. Und die Gemeinden sind mittendrin und spüren die negativen Folgen.

Das bedeutet jedoch nicht, dass niemand in den Gemeinden mit dem Anbau von Pflanzen zur illegalen Nutzung zu tun hat. Das gibt es durchaus. Denn mit dem Anbau dieser Pflanzen lässt sich leider sehr gut Geld verdienen. Außerdem gibt es einfach nicht viele andere wirtschaftliche Optionen. Nicht alle haben Zugang zu Land, um nur ein Problem zu nennen. Oder was passiert mit einem indigenen Kleinbauern, der für seine Landwirtschaft einen Kredit aufgenommen hat und diesen mit den Erlösen der Ernte zurückzahlen will? Wenn das Wetter nicht mitspielt, verliert er seine Ernte und kann den Kredit nicht zurückzahlen. Daher fragen sich die Menschen: Was ist einfacher und rentabler? Die Antwort: Koka und Marihuana anzubauen, die einem direkt zu Hause von den Händler*innen abgekauft werden. Oder wer kein Land hat, geht als Tagelöhner auf die Plantagen mit diesen Pflanzen. Viele, vor allem junge Menschen, verlassen ihre Gemeinden und gehen in andere Teile des Cauca, um dort in den Kokaplantagen zu arbeiten. Und eh man sich versieht, sind sie von einer bewaffneten Gruppe rekrutiert worden.

In den indigenen →Resguardos, den Selbstverwaltungs­gebieten, gibt es eine Regel: Wenn jemand hier Pflanzen zur illegalen Nutzung anbaut, kann das →Cabildo, die Selbstverwaltung, dieser Person das Land wegnehmen. So ist zumindest die Regel. Aber wie sollen sich unsere Amtsträger*innen in so einer Situation verhalten? Wenn sie wirklich die weitere Nutzung untersagen, geraten sie in Konflikt mit den eigenen Gemeindemitgliedern. So wird versucht, den entsprechenden Familien bewusst zu machen: Das bringt viele Probleme und schadet uns als Gemeinde. Die Familien fragen dann: Wovon sollen wir sonst leben? Wird mich die Gemeinde unterstützen? An dieser Stelle ist es sehr schwierig, eine gute Lösung zu finden.

Auch die Zwangsrekrutierung von Jungen und Mädchen hat zugenommen. Ein weiterer Grund zur Sorge ist der Drogenkonsum unter Jugendlichen in der Region. Früher gab es das in unseren Gemeinden nicht.

Profiteur*innen des Anbaus

Der Anbau für den Drogenhandel ist so etwas wie der Treibstoff, der die kriminellen bewaffneten Gruppen nährt. Die Gemeinden profitieren davon wirtschaftlich nicht. Er bringt ihnen Probleme, die Störung des gesellschaftlichen und spirituellen Gleichgewichts, Morde und Rekrutierung. Außerdem führt er zu Alkoholismus und Gewalt in den Familien. Die Drogenkartelle weiten ihre Geschäfte aus, sie handeln nicht nur mit den Substanzen, sondern auch mit allem, was mit dem Drogenhandel zu tun hat, etwa Waffen und Menschen.

Die Profiteur*innen sind diejenigen, die in den höchsten Kreisen des Drogenhandels tätig sind. Es ist ein transnationales Geschäft. Solange es Konsument*innen gibt und Menschen, die die Möglichkeit haben, die Drogen zu einem hohen Preis zu erwerben, wird es immer Menschen geben, die sie verkaufen. Diese Überlegungen werden in den Gemeinden angestellt, was den bewaffneten Gruppen und denen, die für sie arbeiten, nicht gefällt. Sie unterwerfen die Menschen, setzen sich mit Waffen durch und überzeugen andere davon, dass der Anbau von Pflanzen zur illegalen Nutzung vorteilhaft und rentabel ist.

Die Guardia Indígena zerstört Kriegsmaterial bei einer Gemeindeversammlung im Selbstverwaltungsgebiet von Cerro Tijeras, Februar 2018. Foto: Ani Diesselmann.

Morde an indigenen Amtsträger*innen

Die bewaffneten Gruppen bedrohen die Amtsträger*innen, die sich dagegen wehren, dass in den Gemeinden Pflanzen für die illegale Nutzung angebaut werden. Sie erklären sie und ihre Familien zu militärischen Zielen. Meist geben sie ihnen nur 24 Stunden, um das Gebiet zu verlassen. Seit dem Friedensabkommen von 2016 haben die Morde an indigenen Amtsträger*innen und →Guardias Indígenas im Norden des Cauca zugenommen. Im Jahr 2018 wurde Edwin Dagua, Ratsmitglied des Selbstverwaltungsgebietes Huellas, ermordet. Seitdem gibt es eine Welle von Drohungen, Vertreibungen und Morden gegen Vertreter*innen der Selbstverwaltung sowie Guardias Indígenas. Gravierend ist auch die Ermordung von →Mayores Espirituales. Sie sind wichtig für den Widerstand und die Selbstfürsorge der indigenen Gemeinden. Ihre Ermordung stellt einen schweren Angriff auf die gesamte Spiritualität sowie die Gemeinde- und Organisationsstruktur dar.

Dieser Todesplan hat uns auf organisatorischer Ebene gespalten, uns viel Schaden, Schmerz und Ungleichgewicht zugefügt. Die ermordeten Amtsträger*innen haben sich für die Beschlüsse der Gemeinde stark gemacht, die im Hinblick auf die bewaffneten Gruppen, den Drogenhandel und die Politik, die gegen die Rechte der Gemeinden gerichtet ist, eindeutig sind: Darüber wird nicht verhandelt. Viel zu oft, wenn jemand sich für diese Beschlüsse stark macht und sich nicht einschüchtern lässt, kostet es ihn oder sie das Leben. Mein Partner Miller Correa wurde 2022 ermordet. Er war Mitglied des Obersten Rates der ACIN, der Vereinigung der indigenen Selbstverwaltungen im Norden des Cauca. (2) Miller prangerte die Zwangsrekrutierung junger Menschen an. Ihr Schutz war eines seiner wichtigsten Anliegen. Er sprach sich entschieden gegen bewaffnete Gruppen und den Anbau von Pflanzen zur illegalen Nutzung aus. Wir wissen, dass alle, die sich diesem Todesplan widersetzen, die anprangern, was geschieht, und die das Territorio und die Gemeinde verteidigen, dafür ihr Leben riskieren.

Strategien für Leben und Frieden

Eine der wichtigsten Strategien des Lebens und des friedlichen Widerstands ist die Guardia Indígena. Albeiro Camayo, einer ihrer Koordinatoren, wurde im Januar 2022 von einer bewaffneten Gruppe ermordet. Am 21. Jahrestag der Guardia sagte er mir: „Wir feiern 21 Jahre, aber die Guardia Indígena, die Hüter des Territorio, hat es in verschiedenen Formen schon immer gegeben.“

Ein zweiter wichtiger Aspekt ist das „Movimiento Juvenil Alvaro Ulcue“. Die Jugendorganisation der ACIN besteht seit mehr als 20 Jahren und ist eine Schule für diejenigen, die später in den Selbstverwaltungen aktiv sind. Neben der politischen und organisatorischen Ausbildung der Jugendlichen werden künstlerische und kulturelle Initiativen gefördert, bei denen die Talente der Jugendlichen aktiviert werden. Damit sollen sie dem Krieg und den bewaffneten Gruppen entrissen werden. Unsere Frauenorganisation stärkt in jeder Gemeinde das spirituelle Wissen, das Wissen über Pflanzen, das Weben sowie die Samen des Lebens, also die Kinder.

Wir haben außerdem mehrere politisch-institutionelle Prozesse: das eigene Bildungssystem SEIP, das eigene Gesundheitssystem SISPI, die territorialen Hoheitsrechte in Umwelt- und Wirtschaftsfragen ATEA, die Produktion, Weiterverarbeitung und Vermarktung von Erzeugnissen aus den Gemeinden verbessern. Darüber hinaus haben wir die staatliche indigene Kommunikationspolitik erarbeitet, die Kommunikation aus spiritueller Sicht und als ein Recht versteht.

Wir wollen die Lebensmittelproduktion von und für die indigenen Gemeinden stärken (mehr dazu). Diese sollen vor allem in den Gemeinden selbst konsumiert werden, denn wir möchten nicht das Beste für den Export produzieren, während wir selbst mit schlechterer Qualität vorliebnehmen müssen. Vielmehr wollen wir die Selbstversorgung mit Lebensmitteln stärken.

Schließlich wollen wir die Identität der Kiwe Luuçx (3), der kleinen Guardias Indígenas, stärken. Dieser Prozess beginnt ab dem ersten Schuljahr im Rahmen des eigenen Bildungssystems. Ihnen wird vermittelt, warum man das Territorio schützen muss und welche Bedeutung es für uns hat. Die „Sprachnester“ sind eine weitere Initiative zur Stärkung der Identität der kulturellen Praktiken und der eigenen Sprache →Nasa Yuwe. Dabei handelt es sich um Kindergärten oder Tagesstätten für Kinder ab zwei Jahren, die dort mit den Erzieher*innen auf Nasa Yuwe sprechen.

Mit diesen Strategien stellen wir uns gegen den Plan des Todes. Wir wollen in Würde in unseren Territorios leben und für unsere Kinder und Jugendlichen eine Zukunft in unseren Gemeinden schaffen. Wir waren schon lange vor der Kolonialisierung hier. Wir gehören zu diesem Land und das Land gehört zu uns.

Nachwuchs-Weiterbildung für indigene Verteidigerinnen, Haus der Frauen des CRIC, Popayán 2024. Foto: Karina Gugú Hurtado – Proceso de Mujeres CRIC.

→ Begriffe mit einem Pfeil werden im Glossar erklärt.

Anmerkungen:

(1) Einige der bewaffneten Gruppen, die im Cauca aktiv sind. Die ELN (Ejército de Liberación Nacional, dt.: Armee der Nationalen Befreiung) wurde 1965 als Guerilla gegründet und ist weiterhin in verschiedenen Teilen des Land aktiv. Die indigenen Gemeinden des Cauca kritisieren, dass die ELN in der Region eng mit der Drogenwirtschaft verbunden ist und gegen die Gemeinden vorgeht.

(2) Die ACIN (Asociación de Cabildos Indígenas del Norte del Cauca) ist die Vereinigung von 22 Selbstverwaltungen in der Zone Çxhab Wala Kiwe (→Nasa Yuwe für: Territorio des Großen →Pueblo). Die öffentliche Gebietskörperschaft wird von einem Rat geleitet. Die zwölf Selbstverwaltungsvereinigungen und zehn Zonen innerhalb des CRIC bilden die mittlere Ebene zwischen den lokalen Selbstverwaltungen und dem CRIC.

(3) →Nasa Yuwe für Kinder des Territorio.


Dora Estella Muñoz Atillo, →Nasa aus dem Territorio von Corinto/Cauca. Indigene Medienfachfrau und Journalistin, die in verschiedenen Gemeinden und Organisationsprozessen mitwirkt, sichtbar macht, anprangert, erinnert und durch Medienarbeit die Kämpfe ihres →Pueblo für den Schutz des Lebens und die Verteidigung des Territorio fördert.


Dieser Text ist die gekürzte Fassung eines Vortrags im ABC Hüll im Dezember 2023.

Bearbeitung und Übersetzung: Eliseth Libertad Peña Quistial und Lisa Stange


Dieser Artikel ist Teil der Broschüre „Land, Kultur und Autonomie – Die indigene Bewegung des Cauca (Kolumbien), Band 2“, die im Dezember 2025 gemeinsam von Transgalaxia e.V. und der Zeitschrift ila veröffentlicht wurde. Sie kann beim Kaffeekollektiv Aroma Zapatista und bei der kollektiven Kaffeerösterei la gota negra bezogen werden.


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