Neue Angriffe auf die indigene Selbstverwaltung im Südwesten Kolumbiens

Die indigene Bewegung des Departamento Cauca – organisiert im Indigenen Regionalrat CRIC –gilt als eine der stärksten Bewegungen Kolumbiens. Ihr Kern sind die 94 Reguardos Indígenas, indigene Selbstverwaltungsgebiete, deren Autonomierechte sie in jahrzehntelangen Kämpfen erstritt. Lange lebten die indigenen Gemeinden inmitten des bewaffneten Konflikts zwischen Guerillas, Paramilitärs und Staat, in dem alle Partei ihre Rechte missachteten. Seit dem Friedensschluss zwischen FARC-Guerilla und Regierung 2016 hat sich der Konflikt verwandelt. Er ist heute symbiotisch mit der Drogenwirtschaft verbunden. Verschiedenen bewaffneten Gruppen kämpfen untereinander um Gebietskontrolle und gegen die Selbstverwaltung (1). Dutzende indigene AmtsträgerInnen wurden ermordet.
Besonders deutlich zeigt sich der neuartige Konflikt und die Herausforderungen für die Bewegung in deren Hochburgen im Norden des Cauca. Im Resguardo Indígena von Tacueyó, das mit 16.000 EinwohnerInnen und 40 km² eines der größten und auch ältesten Selbstverwaltungsgebiet ist, kam es am 29.10.2019 zum bisher schwersten Angriff auf die indigene Autonomie.
Über die Bedrohungslage und die Reaktion der Bewegung sprachen wir mit Nora Taquinas, eine der sechs GemeinderätInnen von Tacueyó, und Arbei Noscue, Koordinator der Guardia Indígena des Selbstverwaltungsgebiets. Die Guardia Indígena, in der indigenen Sprache Nasa Yuwe auch als Kiwe Thegnas bezeichnet, ist ein kollektiver, selbstorganisierter Schutzmechanismus der indigenen Gemeinden des Cauca (2).
Martin Mäusezahl und Eliseth Peña / März 2021
Was passierte beim Angriff am 29.10.2019?
Nora Taquinas: Die Kiwe Thegnas informierten den Selbstverwaltungsrat, dass sie zwei Fahrzeuge einer bewaffneten Gruppe mit mehreren Entführten ausgemacht hätten. Also fuhren wir alle los, um die Kiwe Thegnas zu unterstützen. Als wir ankamen, hatten sie die beiden Autos festgesetzt und die Entführten befreit. In diesem Moment wurde von drei Seiten das Feuer auf uns eröffnet. Im Kreuzfeuer starben die Gemeinderätin Cristina Bautista Taquinas und vier Kiwe Thegnas. Weitere wurden verletzt. Dann kam ein Transporter, aus dem geschossen wurde, und holten die Männer aus den beiden Autos raus. Wir konnten nichts weiter tun.
Dieses Massaker war der Höhepunkt einer langen Eskalation. Wir als indigene Bewegung haben immer gewarnt, dass es nach dem Friedensschluss sehr schwierig werden könnte. Und so kam es. Ab 2016 nahmen die Drohungen gegen indigene AmtsträgerInnen und die Kiwe Thegnas zu – hier in Tacueyó und überall im Nord-Cauca. Seit Anfang 2019 folgen Taten: Immer wieder gab es Attentate, Verletzte und Tote. Auch nach dem 29.10. ging das weiter. Mittlerweile ist die Sicherheitslage hier schlimmer als während des bewaffneten Konflikts.
Welche bewaffnete Gruppe streckte hinter dem Angriff und wie ist die aktuelle Situation bezüglich dieser Gruppen?
Arbei Noscue: Unseren Informationen zufolge gehörten die Angreifer zur Kolonne Dagoberto Ramos, eine FARC-Abspaltung, die den Friedensvertrag mit der Regierung nicht anerkennt. Unsere Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen, aber wir denken, sie wollten uns eine Falle stellen: Viele AmtsträgerInnen kommen lassen und sie ermorden.
Neben der FARC-Dissidenz sind im Selbstverwaltungsgebiet auch die ELN- und die EPL-Guerilla, die Paramilitärs der Aguilas Negras und neue Gruppen aktiv, die sich aus ehemaligen Paramilitärs und Guerilleros zusammensetzen. Alle greifen uns als Guardia Indígena an: Sprengkörper auf den Wegen, Schüsse, Hinterhalte. Immer wieder haben wir Tote zu beklagen. Schwierig ist, dass oft unklar ist, wer uns angreift, und dass diese Gruppen nicht mit sich sprechen lassen. Mit der FARC und der Armee konnten wir früher sprechen und so etwas mehr Sicherheit erlangen.
Nora: Viele zunächst Demobilisierte organisieren sich jetzt in unzähligen kleinen bewaffneten Gruppen. Diese Gruppen haben keine politische Ausrichtung mehr sondern nur eine egoistische wirtschaftliche Motivation. Sie wollen von der Drogenwirtschaft profitieren und stehen untereinander in Konkurrenz.
Arbei: Die Drogenwirtschaft ist der Treibstoff. Für Marihuana und Koka kassieren sie hohe Schutzgelder, mit denen sie Waffen kaufen, um sie gegen die indigenen Gemeinden zu richten.
Sie wollen uns unser Land und unsere Autonomie streitig machen, für die unsere Vorfahren Jahrhunderte kämpften und viele Opfer brachten. Weil unsere Organisierung so stark ist, bedrohen und ermorden sie AmtsträgerInnen und Guardias. Das ist die brutale und traurige Realität, die wir erleben.
Was ist die Guardia Indígena?
Arbei: Sie wurde 2001 inmitten des Krieges zwischen Guerilla und Staat durch die indigenen Bewegung gegründet. Damals bedrohten paramilitärische Gruppen die indigenen Gemeinden, weder Armee noch Guerilla respektierten unsere Leben und unsere Selbstverwaltung. Die Guardia war ein Antwort auf diese Situation. Wir sind kein weiterer bewaffneter Akteur sondern ein unbewaffneter, ziviler Gemeindeprozess, ein Teil der Zivilbevölkerung, die sich organisiert, um der Gewalt zu begegnen und zu überleben. Wir stehen im Dienst der Gemeinden, folgen ihren Entscheidungen und setzen ihre in der Verfassung garantierten Selbstbestimmungsrechte um.
Ausgerüstet sind wir nur mit einer Weste, die uns kenntlich macht, und mit einem bastón, einem Holzstock, der uns als legitime GemeindevertreterInnen ausweist. Damit erfüllen wir unseren Auftrag: Den Schutz des Lebens, des territorio (3) und der Menschenrechte. Auch wenn ein Guerillero, ein Soldat oder ein Paramilitär in Gefahr ist, schützen wir ihn. Vor kurzem bargen wir einen verwundeten Soldaten und brachten ihn zur Gesundheitsstation.
In Tacueyó sind wir etwa 200 Guardias, 90 davon Frauen. Aber bei Gefahren sind alle Guardia. Dann rufen wir die gesamte Gemeinde. So sind wir viel mehr als die Angreifer, die erkennen, dass sie eine Gemeinde gegen sich haben. Das ist unserer Schutz.
Eine unserer Aufgaben ist die Kontrolle des Selbstverwaltungsgebietes, um es vor bewaffneten Gruppen und illegalen Minenaktivitäten zu schützen, um unsere Naturschutzgebiete zu schützen. Wir haben dafür Kontrollpunkte und machen Kontrollfahrten. Immer wieder stellen wir Waffen und Drogen sicher und machen sie unschädlich. Wir begleiten und schützen auch die AmtsträgerInnen und erarbeiten Schutzpläne für die Gemeinde.
Eine anderer Aufgabenbereich sind Konflikte und Verbrechen zwischen BewohnerInnen des Resguardos. Wenn wir gerufen werden, können wir manchmal direkt vor Ort Lösungen finden. Ansonsten bringen wir die Personen zum Selbstverwaltungsrat, der dann über das weitere Vorgehen entscheidet.
Auch bei den politischen Aktionen und den Treffen der Bewegung spielt die Guardia eine wichtige Rolle. Wir kümmern uns um die Logistik und sichern die Veranstaltung. Wir sorgen dafür, dass TeilnehmerInnen bei Demos, Straßenblockaden oder Landbesetzungen den Aktionskonsens einhalten. Wenn es zu Angriffen der Polizei kommt, steht die Guardia in der ersten Reihe.
Unsere Arbeit ist ehrenamtlich. Unsere Familien unterstützen uns finanziell. Das ist eine Schwierigkeit. Guardia sein bedeutet, in einer wirtschaftlich prekären Situation zu sein. Dennoch: Ich mache es, weil mir meine Gemeinde und der Kampf unserer Vorfahren wichtig sind.

Tacueyó, blickt besorgt auf die Sicherheitslage seiner Gemeinde.
Vor welche Herausforderungen stellt die neue Gewaltwelle die Bewegung, die Selbstverwaltung und die Guardia Indígena?
Arbei: Das Massaker am 29.10. war ein schwerer Schlag für uns. Die Lage ist so gefährlich wie nie. Wir können den Schutz des Selbstverwaltungsgebietes nicht mehr richtig gewährleisten. Wir werden jetzt direkt angegriffen, weil wir Guardias sind. Daher tragen wir bei der Arbeit nicht mehr unsere Weste und unseren bastón. Früher war das ein Schutz, jetzt ist es eine Gefahr.
Nora: Die Gewalt und insbesondere das Massaker haben politisch, organisatorisch und emotional schlimme Auswirkungen auf uns. Es entmutigte alle. Unsere Prozesse wurden geschwächt, insbesondere die Kiwe Thegnas. Diese müssen wir nun stärken.
Eine weitere Herausforderung ist es, die Jugendlichen wieder mehr zu erreichen. Sie sind am anfälligsten dafür, sich bewaffneten Gruppen anzuschließen. Es geht darum, das gesellschaftliche Gewebe wieder zu stärken, das durch die Gewalt gerissen ist.
Was macht der kolumbianische Staat angesichts dieser Situation?
Nora: Die Regierung reagierte, indem sie weitere Armeeeinheiten in die Region entsendete. Wir lehnen das ab. Mein ganzes Leben lang war diese Gegend militarisiert. Die Drohungen und Morde haben dennoch nicht aufgehört, die Drogenwirtschaft und die bewaffneten Gruppen sind weiter aktiv. Die Armee ist kein Schutz, sondern ein weiteres Risiko für die indigenen Gemeinden.
Unsere Forderung ist, dass uns die Regierung unser Leben, unser territorio und unsere Rechte effektiv garantiert, indem sie unsere eigene Organisierung und Gemeindeprozesse anerkennt und stärkt – vor allem die Kiwe Thegnas. Sie sollen für unsere Sicherheit sorgen, nicht die Armee. Von der Regierung kam diesbezüglich aber noch keine befriedigende Antwort.
Wie wollen die indigenen Gemeinden dieser neuen Bedrohungssituation begegnen?
Nora: Wir werden nicht zu den Waffen greifen, aber wir werden vor der Gewalt auch nicht kapitulieren. Im Gegenteil, wir werden uns weiter zusammenschließen, gemeinschaftlich etwas aufbauen, die Gemeinschaft und den Widerstand stärken. Wir müssen neue Strategien suchen, mit den Herausforderungen umzugehen. Insbesondere die Kinder und Jugendliche müssen wir über Bildung und konkrete Angebote mehr in die Bewegung integrieren. Auch haben wir mit den benachbarten Selbstverwaltungsgebieten einen Aufbauprozess mit der Guardia Indígena gestartet, um die Guardia, den gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie die indigenen Wurzeln und Weltsicht in den Gemeinden zu stärken. Das wird Zeit brauchen, den der Schlag war heftig. Aber wir müssen es machen und stärker werden als zuvor.
Arbei: Wir haben uns zu unserer Verteidigung enger mit den anderen Selbstverwaltungsgebieten zusammengeschlossen. Als Guardia treten wir jetzt in größeren Gruppen auf und zeigen so den bewaffneten Gruppen, dass sie uns nicht vertreiben können, wie es anderen Gemeinden passiert ist. Was uns darüber hinaus stark macht und schützt ist unsere indigene Weltsicht und unsere Kultur. Auch wenn sie unsere AnführerInnen ermorden, wir als indigene Organisierung haben die Fähigkeit, immer wieder aufzustehen, neu aufzubauen und weiter zu machen.
(1) Siehe dazu unseren Artikel „Kaffee oder Koka? Selbstbestimmtes Wirtschaften als Alternative zur Drogen- und Gewaltökonomie“ in der graswurzelrevolution Nr. 450 (Juni 2020).
(2) Guardia Indígena bedeutet „indigene WächterInnen“, Kiwe Thegnas „die sich um das territorio kümmern/darüber wachen“. Zum Begriff territorio siehe die folgende Fußnote.
(3) Für die ganzheitlichen indigenen Weltsichten des Cauca ist territorio eine an ein konkretes Gebiet geknüpfte, emotional aufgeladene Verbindung von Land, Natur, Gemeinde, Identität, Kultur, Geschichte, Vorfahren, sich selbst sowie der dies alles durchdringenden geistlichen Energie.
Eliseth Peña ist indigene Medienfachfrau und Journalistin aus Popayán, Cauca.
Martin Mäusezahl ist Teil des Hamburger Kaffeekollektiv Aroma Zapatista, das Kaffee der Bewegung vertreibt.
Dieses Interview wurde zu erst in der Zeitschrift iz3w Nr. 383 (März/April 2021) veröffentlicht.
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