Begriffserklärungen – Glossar

Bewaffnete Gruppen: illegale Strukturen, die mit Waffengewalt vorgehen, um Gebiete und Routen zu kontrollieren, die keine politische Zielsetzung verfolgen und mit der Drogenwirtschaft, dem illegalen Bergbau und anderen verbotenen Wirtschaftsaktivitäten Gewinne erzielen. Im Cauca zählen hierzu insbesondere ehemals paramilitärische Gruppen und die →FARC-Dissidenzen. Teilweise operieren sie in Allianzen, teilweise im Konflikt miteinander. Sie sind heute für einen Großteil der Gewalt gegen die indigenen Gemeinden verantwortlich. In einem weiteren Sinn des Begriffs beziehen die Gemeinden aufgrund ihrer Erfahrungen auch die legalen Gewaltakteure Polizei und Militär ein.

Cabildo (Indígena): Selbstverwaltung und politisch-rechtliche Vertretung einer indigenen Gemeinde, die als öffentliche Körperschaft anerkannt ist. Die indigenen Gemeinden wendeten das koloniale Konzept im Kampf für ihre Autonomie emanzipatorisch. In den letzten Jahren haben viele Gemeinden Name und Struktur ihrer Selbstverwaltung entlang eigener Gesellschaftskonzepte geändert.

CRIC: Consejo Regional Indígena del Cauca, Indigener Regionalrat des Cauca. Die 1971 gegründete Organisation indigener Gemeinden des Cauca vereint heute 138 dieser Gemeinden (ca. 90 Prozent) aus elf →Pueblos Indígenas. Staatlicherseits ist sie seit 1999 als deren politisch-rechtliche Vertretung und als öffentliche Körperschaft anerkannt.

Departement Cauca: eines der 32 Departements, in die Kolumbien administrativ unterteilt ist. Diese besitzen jedoch wenig politische Kompetenzen. Der Cauca liegt im Südwesten des Landes, hat rund 1,6 Millionen Einwohner*innen und ist mit einer Fläche von 29 300 km² in etwa so groß wie Brandenburg. Hauptstadt ist Popayán. Die Landschaft des Departements ist von der zentralen und der westlichen Anden-Kordillere, dem Tal des Cauca-Flusses dazwischen sowie dem kaum bewohnten pazifischen Flachland geprägt.

FARC-Guerilla: Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia, Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens. Die 1964 gegründete, lange Zeit größte Guerillaorganisation des Landes schloss 2016 einen Friedensvertrag mit der Regierung und wandelte sich in eine politische Partei um. Ein Teil der FARC akzeptierte den Vertrag nicht, andere Teile schlossen sich nach dessen teilweiser Nichterfüllung wieder zusammen. Diese → bewaffneten Gruppen werden als FARC-Dissidenzen bezeichnet.

Guardia Indígena: wörtlich „indigene Wache“; kollektiver, unbewaffneter Selbstschutzprozess der indigenen Gemeinden. Aufbauend auf Erfahrungen aus Jahrhunderten der Selbstverteidigung formierten 2001 die im →CRIC organisierten Gemeinden die Guardia Indígena mit dem Auftrag, das Leben, das →Territorio, den Frieden und die Menschenrechte zu schützen. Erkennungszeichen sind Holzstab, Halstuch und Weste. Die →Pueblos Indígenas haben je eigene Bezeichnungen für die Guardia, etwa Kiwe Thegnas auf →Nasa Yuwe.

Mayor/Mayora: älteres, verdientes Mitglied der Gemeinde, das dieser durch seine*ihre Erfahrung in Kultur und Kampf wichtige Orientierung gibt.

Mayor/a Espiritual: Expert*in für körperliche und seelische Gesundheit sowie das Gleichgewicht von Menschen, Gemeinde und →Territorio; sie sind zentral für die Verbundenheit der Gemeinden mit ihrem →Territorio.

Minga: bezeichnet bei den →Pueblos Indígenas der Anden eine gemeinschaftliche Arbeit für die Gemeinde oder auf Gegenseitigkeit. Die indigene Bewegung des Cauca nannte ab den 2000er-Jahren auch ihre großen politischen Mobilisierungen Mingas. Siehe: www.cauca-indigena.de/minga

Nasa: größtes →Pueblo Indígena innerhalb des CRIC. Seine Sprache ist das Nasa Yuwe, das nicht mehr von allen gesprochen wird, in den letzten Jahren aber eine starke Wiederbelebung erfährt.

Plan de Vida: wörtlich „Plan des Lebens“; gemeinschaftlich erarbeiteter, langfristiger und umfassender Plan einer indigenen Gemeinde. In diesem entwirft sie auf Grundlage ihrer Autonomie, Weltsicht, politischen Werte und ihrem →Territorio eigene Gesellschaftsweisen und Wege in die Zukunft, in Abgrenzung von den zerstörerischen „Plänen des Todes“ der →bewaffneten Gruppen sowie des Staates (sogenannte „Entwicklungspläne“).

Pueblo (Indígena): wörtlich „indigenes Volk“; da der deutsche Begriff „Volk“ historisch vorbelastet ist und eine andere Bedeutung hat als „pueblo“ in Kolumbien, benutzen wir die Selbstbezeichnung auf Spanisch.

Resguardo (Indígena): indigenes Selbstverwaltungsgebiet; legale und politische territoriale Institution, die von der Gemeinde mit eigenen Strukturen verwaltet wird (→Cabildo). Sie entstanden in der Kolonialzeit, um die indigenen Gemeinden über innere Freiheiten und äußere Abhängigkeit zu kontrollieren und auszubeuten. Diese wendeten diese Institution im Kampf für ihre Autonomie jedoch emanzipatorisch. In der Verfassung von 1991 wurde ihr Status als kollektives, unveräußerliches Gemeindeeigentum festgeschrieben. Seither laufen komplexe Aushandlungen mit dem Staat über deren konkrete (Hoheits-)Rechte. Die Gemeinden verwenden mittlerweile meist den Begriff →Territorio.

Territorio: steht in den indigenen Weltsichten des Cauca für ein ganzheitliches Verbindungsgeflecht innerhalb eines geografisch nicht klar begrenzten Gebietes. In diesem ist alles mit allem emotional und materiell verbunden: Land, Lebewesen, Berge, Wasser, Gemeinde, Identität, Kultur, Geschichte, Vorfahren, man selbst und die alles durchfließenden Energien. Als solches ist das Territorio selbst ein Lebewesen. Die →Pueblos Indígenas in Kolumbien bezeichnen mittlerweile die →Resguardos als Territorios, um in dekolonialer Absicht auszudrücken, dass dieses Verbindungsgeflecht die Basis ihrer Autonomie ist.


→ Begriffe mit einem Pfeil werden im Glossar erklärt.